R wie Rastafari ODER Nicht jeder Dread ist auch ein Rasta


Jamaika ohne «Rastas»? Das käme uns doch gar nicht in den Kopf, oder? Das Bild von charismatischen dunkelhäutigen Jamaikanern mit dicken, verfilzten Haarsträhnen –oft unter einem Tam verborgen- ist tief in uns verankert. Trotzdem ist nicht jeder, der solcherart Frisur zur Schau stellt, auch gleich ein echter «Rastafari».

Dreadlocks, so wie sie die echten Rastas tragen, entstehen nicht mal «schnell in den Ferien». Es ist nicht die Art von Frisur, die sich so manche/r als Urlaubssouvenir aus Jamaika oder von anderswo aus der Karibik mitbringt. Mit diesen «Braids»- geflochtene Zöpfe, die ganz nahe an der Kopfhaut sitzen- haben echte Dreads nichts zu tun. Diese entstehen, wenn man das Haar nicht mehr kämmt und es verfilzt. Nicht jedermanns Sache und nicht jedermanns Auffassung von Ästhetik. Das funktioniert auch nicht bei jedem Haar, die besten Chancen haben Menschen mit dicken Haaren, die idealerweise eine Naturwelle haben. Dreadlocks sind übrigens keine Erfindung der Rastas, man findet sie in vielen Kulturen und sie werden bereits in der Bibel erwähnt:

1 Samuel 1:11 / LUT – …und gelobte ein Gelübde und sprach: HERR Zebaoth, wirst du deiner Magd Elend ansehen und an mich gedenken und deiner Magd nicht vergessen und wirst deiner Magd einen Sohn geben, so will ich ihn dem HERRN geben sein Leben lang und soll kein Schermesser auf sein Haupt kommen.

So bat die Mutter Samsons den Allmächtigen um einen Sohn und wurde mit einer späten Mutterschaft belohnt. Samson, dessen Haar ihm Stärke verleiht, verliebte sich in Delilah, die ihm im Schlaf die Haare schneiden liess, ihm dadurch seine sagenhafte Stärke nahm und so an die Phillister verriet:

Richter 16:19 / LUT- Und sie ließ ihn entschlafen auf ihrem Schoß und rief einem, der ihm die sieben Locken seines Hauptes abschöre. Und sie fing an ihn zu zwingen; da war seine Kraft von ihm gewichen.

Tacky Falls by boat

Bibelstellen zu diesem Thema gibt es viele, für Rastas relevant dürften unter anderem diese sein:

4 Mose 6:5 / LUT- Solange die Zeit solches seines Gelübdes währt, soll kein Schermesser über sein Haupt fahren, bis das die Zeit aus sei, die er dem HERRN gelobt hat; denn er ist heilig und soll das Haar auf seinem Haupt lassen frei wachsen.

3 Mose 21:5 / LUT- Sie sollen auch keine Platte machen auf ihrem Haupt noch ihren Bart abscheren und an ihrem Leib kein Mal stechen.

Nun wissen wir also, warum die Jungs «die Haare schön» haben, aber was macht einen echten Rastafari sonst noch aus und besonders?

Die Rastafari- Bewegung, welche keine Kirche in dem Sinne ist, wird als eine «christlich angelehnte Glaubensgemeinschaft mit einer eigenen Lebensweise» beschrieben. Rastafari erkennen «Jah» als Gott an, der in jedem Individuum lebt und die «eigene innere Göttlichkeit» widerspiegelt. Einige sehen in Haile Selassie die Reinkarnation von Jah auf Erden, andere sehen ihn eher als Propheten für die vollkommene innere Göttlichkeit.

Rastafari begann aber nicht einfach als eine Form des gegenkulturellen Ausdrucks oder des religiösen Glaubens. Es war ein Kampf für Gerechtigkeit durch entrechtete Jamaikaner, Bauernarbeiter und die einfachen Angestellten in der damaligen britischen Kolonie. Nach der Abschaffung der Sklaverei 1834 kam es immer wieder zu Unruhen, Streiks, Aufständen und anderen unschönen Zwischenfällen gegen die britische Herrschaft auf Jamaika, auch in den 1920er Jahren. Die Entrechteten verlangten- angestachelt durch einen gewissen Marcus Mosiah Garvey- mehr Unabhängigkeit und eine gerechtere Besteuerung. Dieser Garvey sagte angeblich sogar die Krönung eines schwarzen Königs in Afrika, der die Befreiung der Schwarzen bringen würde, voraus:

«Look to Africa, where a black king shall be crowned, for the day of deliverance is near.»

Was auch tatsächlich passierte- also die Krönung von Haile Selassie (ehemals Ras Täfäri Makonnen) zum äthiopischen Kaiser (Negusa Nagast), welche am 2.April 1930 stattfand. Haile Selassie wird von vielen Rastas als derjenige gesehen, von dem in der Offenbarung des Johannes die Rede soll. Der Name, den er sich selbst gab, bedeutet „Macht der Dreifaltigkeit mit göttlicher Abstammung“. Bis heute sehen viele Rastas Marcus Garvey
als Propheten der Rastafari-Bewegung an.

Schon kurz nach der Krönung  begannen jamaikanische Prediger wie z.B. Leonard P. Howell (welcher oft als erster Rasta bezeichnet wird), Joseph Nathaniel Hibbert Robert Hinds und Archibald Dunkley, auf den Strassen Jamaikas die «Göttlichkeit» des äthiopischen Kaisers zu verkünden. Dabei bezogen sie sich teilweise auf die Offenbarung des Johannes. Sie verbreiteten ihre Botschaft unabhängig voneinander, wodurch unterschiedliche Rastafari-Gruppen entstanden, unter anderem die Nyahbinghi, Bobo Ashanti oder die Zwölf Stämme Israels. Die Prediger verbreiteten die Lehren der „Kebra Negast“, was ins Deutsche übersetzt „Die Herrlichkeit der Könige“ bedeutet und eine Ende des 13. Jahrhunderts n. Chr. auf Äthiopisch verfasste Schrift ist. Sie stellt die Verhältnisse der Könige der Bibel anders dar als in der Bibel selbst geschrieben und wird von vielen äthiopischen Christen und Rastafari als gesicherte Darstellung angesehen. Auch der Glaube, Haile Selassie sei ein Herrscher der salomonischen Dynastie, die vom israelitischen König David entstammt und der Glaube, Selassie würde die Afrojamaikaner zurück nach Afrika führen fand weite Verbreitung. Während viele der Strassenprediger aufgrund ihrer antikolonialen Einstellung inhaftiert und sogar einige in psychiatrischen Anstalten eingesperrt wurden, fand die neue Lehre der die Rasta-Bewegung immer mehr Verbreitung in der unteren Bürgerschicht Jamaikas und verbreitete sich auch teilweise in höheren Gesellschaftsschichten.

Regeln der Rastafari Religion

Rastas leben nach strengen Regeln, nicht nur ihre Frisur betreffend

So essen sie kein Schweinefleisch, keine schuppenlosen Fische, trinken keine Kuhmilch und benutzen kein Salz oder künstliche Gewürze. Sogar Eier lehnen viele ab. Rastas trinken auch keinen Alkohol. Die Küche der Rastas dürfte besonders Vegetariern zusagen. Schon bei unserer allerersten Reise nach Jamaika wurden wir belehrt, dass I-tal Food nichts mit Pizza und Pasta zu tun hat, sondern sich auf die Zubereitung nach bestimmten Rasta-Regeln bezieht. Strenge Regeln gelten auch für Frauen, die ein Rasta am liebsten in Röcke gehüllt sieht. Sie dürfen sich nicht schminken und sollen ihren Kopf bedecken. Es finden sich auch patriarchalische Strukturen, so wird z. B. der Frau die Pflicht auferlegt, ihren Mann und die Familie zu umsorgen und ihm treu zu sein – auch wenn er es selbst nicht ist. Welcher Jamaikaner will bei diesem Regelwerk nicht gern ein Rasta sein?

Allerdings leben und legen nicht alle Rastas die Regeln allzu streng aus und viele drehen sich die Regeln, wie sie sie brauchen. Der Anteil Rastafaris auf Jamaika ist nicht belegt, die Angaben schwanken zwischen ein und drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Vielleicht ist es auch daher so schwer, eine Zahl zu nennen, weil die Rastafari-Bewegung keine eigenen Gotteshäuser errichtet.

Auch die Ausdruckweise der Rastas soll hier nicht unerwähnt bleiben, die auf dem Jamaican Patois aufbaut und aus der viele Wortschöpfungen stammen. Speziell zum Jamaican Patois könnt ihr in I wie I-rie ODER «Ich versteh nur Bahnhof»  nachlesen. Rastas versuchen mit dem so bezeichneten „Iyaric“ mittels spezieller Ausdrücke und Wendungen ihre Religion und Weltanschauung quasi bildhaft zu verdeutlichen. Dazu wird oft der Anfang eines Wortes durch «I» ersetzt. I bezieht sich dabei auf die spirituelle Gemeinschaft von Mensch (man selbst) und Schöpfer, welche mit «I and I» verdeutlicht wird. I-rie, welches in der Restafarisprache so viel bedeutet wie «frei, glücklich, gut». «You’re I-rie?» ist die Frage nach dem Wohlbefinden auf die man ebenfalls mit «I-rie.» antworten kann.

Rasta im Trenchtown Culture Yard

Apropos Wohlbefinden: Zum Wohlgefühl eines Rastas gehört tägliche Meditation und das sich auseinandersetzen mit der vollkommenen inneren Göttlichkeit. Dazu wird gerne Cannabis konsumiert, welches von ihnen als „Gotteskraut“ bezeichnet wird. Viele von ihnen, aber nicht alle, konsumieren Marihuana häufig gemeinsam mit einer Chalice auf rituelle Weise oder zum miteinander debattieren, das so genannte „Reasoning“. Auch hierzu wird wieder die Offenbarung des Johannes bemüht:

Vers 22,2 LUT „[…]und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker“

Hanf wird auch als healing of the nation, „Heilung der Völker“, bezeichnet. Was uns auch als Nichtkonsumenten gar nicht so abwegig vorkommt, denn verschiedene Cannabinoide, darunter THC, können das Wachstum verschiedener Krebsarten hemmen. Zum Beispiel Hautkrebs, Lungenkrebs, Brustkrebs, Prostatakrebs, Gebärmutterkrebs und Lymphome. Das sollen Studien an Zellen und Tieren gezeigt haben. Ob die dann auch weisse Mäuse gesehen haben? Auch Cannabinoide, die keine psychischen Wirkungen hervorrufen, hemmen das Wachstum von Tumoren. Dazu zählt auch das natürliche Cannabidiol (CBD) aus Faserhanf. Schon viele an Krebs erkrankte behandeln sich selbst mit Hanfölprodukten. Ein entsprechender Gesetzesentwurf, den der Bundestag am 19.1.2017 verabschiedet hat, ebnete der Cannabistherapie für schwer kranke Menschen den legalen Weg. Auch Musik kann ja heilend wirken, eine Textzeile von Bob Marley besagt:

One good thing about music: When it hits you, you feel no pain

Die Trommel gilt bei den Rastafari als Symbol für Afrika und Jahs Geist ist für sie in der göttlichen Energie der Trommel gegenwärtig . Die afrikanische Musik überlebte die Sklaverei, weil deren motivierender Rhythmus manchen Plantagenbesitzern zupass  kam. Auch durch die Maroons, die als entlaufene Sklaven in den Bergen lebten, konnte die Afrikanische Kultur weitergepflegt werden. Die wichtigste Form der Rastafari-Musik ist Nyabinghi-Musik, welche bei den Grounations, den Lobpreiszeremonien, gespielt wird. Dazu gehören Trommeln, Singen und Tänze genauso wie das Gebet und das rituellen Ganjarauchen. Die Bezeichnung Nyabinghi stammt aus einer Bewegung in Ostafrika von Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Eine andere Rolle in der Rastafari- Musik spielen die Burru-Trommeln, zuerst in der Pfarrei Clarendon, später in West-Kingston, von wo es in die dortige aufkeimende Rasta-Gemeinde eingeführt wurde.
Die Rhythmen der Trommeln und der „Chants“, der Gesänge, beeinflusste die Entstehung des Ska und somit auch des Reggae auf Jamaika.
Die ersten Aufnahmen der Rastafari-Musik wurden mutmasslich von Count Ossie gemacht. In den späten 50er Jahren nahm er mit Prince Buster das Stück „Oh Carolina“ auf, welches das erste populäre Lied aus Jamaika war und einigen sicher entfernt bekannt vorkommt:

The Folks Bros & Count Ossie – Oh Carolina

Solltet ihr den Link geklickt haben, habt ihr jetzt Musik auf den Ohren, die bestimmt eure Füsse und Hüften in Bewegung bringt. Also wollen wir euch nicht vom Shaken, Wackeln und Tanzen abhalten und beenden damit den Exkurs in die Geschichte der Rastafari. Wer sich übrigens gefragt hat, was nun der Lizzard im Titelbild mit Rastafari zu tun hat, dem sei gesagt, dass auch kleine Lebewesen die vollkommene innere Göttlichkeit widerspiegeln. Die panafrikanischen Farben Grün, Gelb und Rot im Bild drücken die Verhundenheit mit dem Mutterland Äthiopien aus.

 

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