M wie Mento, Reggae und Calypso ODER Jamaikas Musik als Exportschlager


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Schon wenn man das klimatisierte Flughafengebäude des Donald Sangster-Airports in Montego Bay verlassen hat, bekommt man einen kleinen Vorgeschmack auf das, was auf Jamaika fast allgegenwärtig ist: Musik, speziell Reggae. Aus den Boxen einer karibisch anmutenden Bar klingt er herüber zu den Reisenden und bringt ihnen nach dem meist langen, anstrengenden Flug die gute Laune zurück. Dazu zaubert ein prickelndes Red Stripe oder ein Rumpunch sofort Urlaubsfeeling.

Damit man bei der Anreise zur Unterkunft nicht einschläft, gibt’s vom Bus- oder Taxifahrer ebenfalls Reggae auf die Ohren. Schliesslich ist man auf Jamaika und da gehört das eben dazu. Meint man. Und es ist genau so, wie es scheint: Jamaikaner lieben Musik und diese gehört unüberhörbar zum Alltag. Es wird gesungen und getanzt, wo immer sich Gelegenheit findet. Bei allen Familienfesten, auf der Strasse, am Strand, sogar bei Beerdigungen. So feiert man auf Jamaika eben das Leben. Da reicht oft ein Eimer als Trommel und irgendetwas zum Rasseln. Kommt dann noch ein Zupfinstrument dazu ist die Jamsession komplett. Man gewinnt leicht den Eindruck, dass irgendwie jeder Jamaikaner, auf den man trifft, musikalisch ist. Schwer einen Inselbewohner zu finden, der keinen Rhythmus im Blut hat.

Reggae auf Jamaika

“One good thing about music, when it hits you, you feel no pain.”

Wie aber kam dieser Beat – der „Herzschlag Jamaikas“ – auf die Insel? Man darf wohl mit Sicherheit davon ausgehen, dass schon die Erstbesiedler der schönen Karibikinsel getrommelt und getanzt haben, was das Zeug hält. Musik spielte im Alltag und auch in täglichen Ritualen der Taino eine sehr wichtige Rolle. Wie alle Naturvölker nutzten auch sie die Musik, um sich an an Festen und besonderen Ereignissen an ihre Geschichte zu erinnern und sie zu erzählen. Mit Musik kommunizierten sie auch mit ihren Göttern, um sie zu besänftigen oder etwas von ihnen zu erbitten oder einfach, um ihnen zu huldigen. Bei rituellen Zusammenkünften und bei Tanzfesten – den Areytos – wurden Lieder zu Ehren der Götter und verstorbener Stammesmitglieder gesungen. Eines der wertvollsten Geschenke, die ein Taíno einem anderen bieten konnte war ein Lied. Dank der Spanier, die ja nichts Besseres zu tun hatten, als echte Kultur- und Naturvölker auszurotten, ist davon leider auch auf Jamaika nicht mehr soviel übrig. Und die «Taino-Tänze», mit denen der Inselbesucher in diversen Hotelressorts unterhalten wird, sind auch nicht viel mehr, als ein netter Versuch.

„Redemption Song“

Als Ersatz für die Arbeitskraft der ausgerotteten Ureinwohner Jamaikas, wurden bekanntlich Sklaven aus Afrika nach Jamaika verschleppt. Aus vielen Völkern Afrikas zusammengewürfelt, brachten diese natürlich ihre eigenen Rhythmen, Lieder und Rituale mit. Allerdings war es meist verboten, die eigene Kultur und Religion auszuleben, geschweige denn, zu trommeln. Die Herrschaft sah darin ein hohes Gefahrenpotenzial zwecks Aufwiegelung der Massen. Da ist wohl was dran, die Macht der Musik sollte man generell nicht unterschätzen. So wurde die afrikanische Musikkultur in der Karibik vorerst im Geheimen weitergepflegt und trägt so heutzutage noch zum typischen Sound aller karibischen Musikstile bei. Habanera, Calypso, Danzón, Merengue, Bachata, Plena, Rumba, Tango -um nur einige zu nennen- haben sich meist zu Beginn des letzten Jahrhunderts daraus entwickelt und enthalten auch Einflüsse der Kolonialisten.

„Rastaman Live Up!

Den Trommelrhythmen der Rastafari folgend, entstand auf Jamaika in den 1930er Jahren speziell der Mento, der einem stetigen 4/4-Rhythmus folgt. Die Texte waren – ganz traditionell afrikanisch – einfach gehalten und erzählten meist auf witzige Weise den neuesten Klatsch und Tratsch. Als Rhythmusinstrumente verwendet werden immer noch die typische Rumba Box (auch afrikanischen Ursprungs) wie Bongos und Rasseln. Ergänzend dazu Banjos sowie auch Saxophone und Klarinetten oder auch Akkordeon, ja sogar Violine in unterschiedlicher Zusammenstellung. Das Jamaica Music Museum in Kingston beherbergt eine kleine, aber feine und sehr sehenswerte Ausstellung der in der Musikgeschichte Jamaikas verwendeten Instrumente.

Ab den 1940er Jahren schwappten durch Wanderarbeiter nun auch die anderen Musikstile der Karibik nach Jamaika und Rumba, Son, Calypso gewannen zunehmend an Bedeutung. Ein schönes Beispiel für die Verschmelzung des Mento mit dem Calypso ist das Stück „Kingston Town“ von Count Owen & His Calypsonians. Verwendet wurde das alte Volkslied „Jamaica Farewell“. Populär wurde der Song durch Harry Belafonte, der mit seiner Version „Jamaica Farewell“ ein paar Jahre später einen Hit landete. Calypso wurde so populär, dass man sogar glaubte, er wäre auf Jamaika entstanden. Dazu beigetragen hat sicher auch Harry Belafonte. Dieser verbrachte ein paar seiner Kinderjahre im Heimatland seiner Mutter, was ihn musikalisch sicher stark geprägt hat, als seine eigentliche Heimat – die USA. Von dort her und aus England kamen auch bald der damalige Contemporary Rhythm ‘n’ Blues, Jazz und Boogie-Woogie, Bebop und Jive auf die Insel.

“Roots Rock Reggae – dis a Reggae Music”

Contemporary Rhythm ‘n’ Blues bekam mittels Taktverschiebung eine Art jamaikanische Schönheits-OP verordnet, und auch der jamaikanische Mento war bei der Zeugung des Ska auf Jamaika nicht unbeteiligt, wobei die Väter nicht eindeutig ermittelt werden konnten. Egal, denn eine neue, fetzige Musikrichtung war geboren und trat ihren Siegeszug an. Count Ossie (von dem die ganz oben verlinkte Ur-Version des späteren Shaggy-Hits “Oh Carolina» stammt), Laurel Aitken, The Skatalites, Prince Buster haben daran ebenso Verdienst wie die entzückende Millie Small mit ihrer schwungvollen Version von Barbie Gayes «My Boy Lollipop». Auch Burning Spear, Jimmy Cliff und Bob Marley und seine Wailers traten damals schon in Erscheinung, waren allerdings noch nicht weltbekannt.

TTCY Wall of Fame

Trenchtown Reggae “ Wall of Fame“ im Trenchtown Culture Yard

Endlich lief statt dem Gedudel aus Amerika sogar Ska im jamaikanischen Radio und auch die aufkommenden Soundsystems sorgten für grossflächige Verbreitung. In dem Zusammenhang müssen auch Coxsone Dodd und Duke Reid genannt werden. Immer wieder wurde ein bisschen an Rhythmus, Takten und Betonung derselben gebastelt, so dass sich fliessend aus dem Ska dann Rocksteady und schliesslich der «muskulösere, und federndere»* Reggae entwickelten. Niemand kann sagen, welches der welterste «richtige» Reggaesong war. Aber getauft worden sein soll dieses Kind von «Toots Hibbert and the Maytals» mit ihrem Song «Do the Reggay». Sei’s drum, wer dem Kind den Namen gab und wer die Väter waren, das ist auf Jamaika meist eh nicht von Wichtigkeit. Wichtig ist: Wie kriegen wir den Kleinen gross? Wobei sich Lee Scratch Perry mit seinem «People Funny Boy» gar nicht schlecht anstellte und auch Desmond Dekker mit «The Israelites» als Vaterfigur nicht komplett versagte. Die «Wiege des Reggae» wurde also kräftig geschaukelt.

„They don’t want to see us unite!“

Mitte der 1960er Jahre war der Schwung, den die Unabhängigkeit Jamaikas verursacht hatte, verpufft. Wirklich unabhängig und frei war nämlich niemand ohne Geld und in den Ghettos rebellierte die Jugend. Das schlug sich natürlich auch in der Musik und vor allem in den Texten nieder. Im Gegensatz zum Ska wurden die Botschaften wieder schärfer und näher am Volk und dessen Sorgen und Nöten. Jetzt hatten endlich die Wailers um Bob Marley mit den aufmüpfigen Texten von Peter Tosh ihre Stunde. Auch Jimmy Cliff sorgte nicht nur mit seinem kriegskritischen «Vietnam» für Aufsehen. Der Perry-Henzell-Film «The Harder They Come» mit Cliff in der Hauptrolle und der dazugehörige Soundtrack blieben vom Rest der Welt nicht ganz unentdeckt.

The Wailers machten zunächst mit dem Label Coxsone Dodd ein paar Platten und auch eine Zusammenarbeit mit Lee Perry trug bescheidene Früchte, aber der Weltruhm war noch fern. Bis dann Chris Blackwell die Truppe mit ihrem Album «Catch a Fire» produziert, welches The Wailers endlich weltbekannt machte. Mit dem Ruhm kamen auch die Zickereien. Aus Marketinggründen wurde die Band in «Bob Marley and the Wailers» umbenannt und Peter Tosh fühlte sich zurückgesetzt. Das Management wollte auch gern softere Texte für den Weltmarkt, die Aufmüpfigkeit in Toshs Texten kam nicht so gut an. 1974 verliessen Bunny Wailer und Peter Tosh dann die Band, um auf Solopfaden zu wandeln. Bob Marley jammte nun mit Verstärkung anderer Musiker als «Bob Marley and the Wailers» und den «I-Trees» als Backgrundsängerinnen seine musikalische Reggaebotschaft a la «One Love» ungehindert in die Welt.

Bob-Marley-performing at Dalymount Park, on 6 July 1980.

Autor: Eddie Mallin / Quelle: Wikimedia

„Ich Möchte Gerne Reggae Hörn“

Das tat er so gut, dass auch bald in aller Herren Länder Reggaekünstler und Reggaebands wie Pilze aus dem Boden schossen und ihrerseits die Welt verbessern wollten. Sogar in Deutschland versuchten sich Künstler wie The Vision, Natty U, Herbman Band, Dub Invaders und Dreadline Anfang der 1980er Jahre an der Adaption des Reggaesounds in Englisch. Das klang im Herzen Europas verständlicherweise ganz anders als im Herzen der Karibik. Sogar bis in die DDR schwappte die warme Reggaewelle, wo Reggae Play den Reggae konsequenterweise eindeutschte und mit belustigenden Texten die Ohren der Ostdeutschen eroberte.

Nahezu zeitgleich versuchte man sich auch in der BRD an deutschen Reggaetexten. Die norddeutsche Gruppe Kööm machte «Urlaub am Meer». Die Taugenixe behaupteten gar, sie hätten den deutschen Reggae erfunden. So manch jamaikanischer Reggaekünstler war und ist in Europa bekannter als in seiner Heimat. Beispielsweise «Germanys Grandfather of Roots Rock Reggae» Curvin Merchant aka Papa Curvin. Mit dem Tod Bob Marleys 1981 verloren die deutschen Medien das Interesse am Thema. Doch die deutsche Reggaebewegung war – trotz Uneinigkeit der deutschen Fans, ob es nun eine/ n Beste/ n geben müsste – nicht mehr aufzuhalten. Nach dem Motto «Der König ist tot – Es lebe der König!».

70.Geburtstag von Bob Marley

„Ride, Natty, Ride“

In den späten 1980er bis in die frühen 1990er Jahre hinein entwickelte sich aus dem Reggae der Dancehall. Energiegeladenerer, mit noch satirischeren, einprägsameren Texten und hartem Sprechgesang eroberte diese neue Stilrichtung die Tanzsäle (Dancehalls). Dort „ritten“ die DJs mit Computer-Riddims und vielseitigen Reimen beim «Toasting» den Rhythmus. Yellowman, Shabba Ranks, Shaggy, Beenie Man, Buju Banton, Lady Saw, Capleton und Bounty Killa und andere erlangten so Popularität. Trotz teils gewaltverherrlichender und homophober Texte wurden sie die neuen Könige der jamaikanischen Musikszene. Mittlerweile sind die Texte wieder positiver und weniger aggressiv. Der neueste Stern am jamaikanischen Musik-Himmel heisst „Koffee“ und bekam Anfang 2020 einen Grammy für ihren ersten Welthit „Toast“.

Koffee - Toast - Grammy

Viele jamaikanische Nachwuchs-Künstler besinnen sich neuerdings wieder auf den kraftvollen Roots-Reggae. In unzähligen Musikstudios in Kingston und dem Rest Jamaikas wird ständig an neuen „Tunes“ gebastelt. Diese bohren sich dank der modernen Streamingdienste heutzutage in Windeseile weltweit in die Ohren der Zuhörer.

Auf Jamaika ist man jedenfalls sehr stolz darauf, dass der kleine Reggae so gross geworden ist. Er hat es zu etwas gebracht und es sogar in die grosse weite Welt geschafft. Im November 2018 wurde Reggae von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Wenn ihr mehr über die Geschichte und die Gegenwart des Reggae erfahren und erspüren wollt, empfehlen wir euch unbedingt einen Besuch in Kingston. Dort hat man unzählige Möglichkeiten, sich auf die Spuren des Reggae und der Musik in Jamaika zu begeben. Ein guter Anfang ist vielleicht eine Music-Tour, wie wir sie im Frühjahr 2019 gemacht haben.

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Anmerkung: * zitiert aus Peter Paul Zahl «Jamaika»

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