Kittycat and the Rudeboyz ODER Die Kingstoner Stadtmusikanten


KITTYCAT AND THE RUDEBOYZ

-Ein Märchen fast nach den Gebrüdern Grimm-

Es war einst in Appleton auf der wundergrünen Insel Jamaika ein Esel, der schon lange Jahre unverdrossen das Rad der Zuckerrohrpresse angetrieben hatte. Doch als die Zuckerkrise kam, musste die Zuckerfabrik schließen und der brave Esel ward ohne Arbeit und bald auch ohne Futter. Der Esel, den alle Donkey riefen, hatte nun nichts Anderes gelernt und machte sich hurtig auf den Weg nach Kingston. Dort, so hatte er gehört, könnte er ja Stadtmusikant werden. Als er ein Weilchen über Stock und Stein gesprungen war, fand er bei Savanna la Mar einen Wachhund auf dem Wege liegen, der jappte wie einer, der sich müde gelaufen hat. „Wha app’n, Doggy, wer hat dich denn gejagt?“ fragte der Esel. „Ach,“ sagte der Hund „weil ich manchmal mürrisch bin und die neue Herrin darum Angst vor mir hat, hat mich mein Herr mit Steinen wollen totwerfen, da hab ich Reissaus genommen. Aber wer gibt mir jetzt Futter, zum jagen bin ich zu alt!“- „Weißt du was?“ sprach Donkey, „ich gehe nach Kingston und werde dort Stadtmusikant, geh mit und laß dich auch bei der Musik annehmen. Ich spiele die Gitarre und du schlägst die Rumbabox.“ Der Hund war’s zufrieden, und sie gingen weiter.

Es dauerte nicht lange, so sass da eine Katze am Weg und macht ein Gesicht wie drei Tage Hurrican. „Hey sweet Kitty, you’re i-rie, mon?“ fragte der Esel. „Wer kann da I-rie sein, wenn’s einem an den Kragen geht, mon?“ antwortete die Katze,“Weil ich, seit ich Rastakatz bin kein Fleisch mehr fresse und ich mich lieber in der Sonne wärme, als nach Ratten herumzujagen, hat mich mein Herr im Black River ersäufen wollen. Ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer: Wo soll ich hin?“ – „Geh mit uns nach Kingston, du verstehst dich doch auf’s Singen da kannst du Stadtmusikantin werden.“ Kitty hielt das für gut und ging mit. Bei Belmont kam die bunte Truppe an einem Yard vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. „Wha gwaan, Roosty! Du schreist einem wahrlich durch Mark und Bein! Was geht bei dir?“ – „Da hab‘ ich gut Wetter prophezeit,“ sprach der Hahn, „weil die Hausfrau heute am Fluss Wäsche wusch und sie trocknen will! Weil morgen jedoch zum Sonntag Gäste kommen, so hat sie doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wollten morgen Hühnerfusssuppe und Jerk Chicken essen, und da soll ich mir heut‘ Abend den Kopf mit der Machete abschlagen lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals, solang ich kann.“ – „Ei was, Roosty Rotkopf,“ sagte Donkey, „zieh lieber mit uns fort. Wir gehen nach Kingston, etwas Besseres als den Tod findest du überall. Du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muss es eine Art haben.“ Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie gingen alle vier zusammen fort.

Sie konnten aber die Stadt Kingston in einem Tag nicht erreichen und kamen abends in eine Kokosnussplantage, wo sie übernachten wollten. Donkey und Doggy legten sich unter einen großen Palmenbaum. Kittycat fühlte sich oben in den Palmwedeln wohler, der Hahn aber flog bis an die Spitze. Dort war es am sichersten für ihn. Ehe er einschlief, sah er sich noch einmal nach allen vier Winden um, da deuchte ihn, er sähe in der Ferne ein Fünkchen brennen, und rief seinen Gesellen zu, es müsste nicht gar weit eine Hütte sein, denn es scheine ein Licht. Sprach der Esel: „So müssen wir uns aufmachen und noch hingehen, denn hier ist die Herberge schlecht.“ Doggy meinte: „Mit vollem Magen ist auch besser schlafen!“ Also machten sie sich auf den Weg zum Strand von Treasure Beach, bis sie vor einer hell erleuchteten Hütte standen. Donkey, als der größte, schaute vorsichtig ins Fenster. „Was siehst du, Bruder?“ fragte der Hahn. „Was ich sehe?“ antwortete der Esel, „einen gedeckten Tisch mit schönstem Fisch, Festival, Brotfrucht, Yams und Berge von Ackee und Calalloo. Räuber sitzen daran und lassen’s sich wohl sein.“ – „Das wäre was für uns,“ sprach Roosty. Da beratschlagten die Tiere, wie sie es anfangen müssten, um die Räuber hinauszujagen und fanden endlich ein Mittel. Donkey musste sich mit den Vorderfüßen auf das Fenster stellen, Doggy auf seinen Rücken springen, dann Kitty auf den Hund klettern, und endlich flog der Hahn hinauf, und setzte sich der Katze auf den Kopf. Wie das geschehen war, fingen Donkey und Doggy an, Musik zu machen, die Katze und der Hahn sangen dazu „Atemlooos durch die Nacht…“ Dann stürzten sie durch das Fenster in die Hütte hinein, dass die Scheiben klirrten.

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Die Räuber fuhren bei dem entsetzlichen Geschrei in die Höhe, und flohen in grösster Furcht vor den vermeintlichen Duppies in den Busch hinaus.
Nun setzten sich die vier Gesellen an den Tisch, nahmen mit dem vorlieb, was übriggeblieben war, und aßen nach Herzenslust. Dabei werteten sie ihre erste Darbietung aus, die zwar alles andere als bühnenreif gewesen war, ihren Zweck jedoch erfüllt hatte. Wie die vier Spielleute fertig waren, löschten sie das Licht aus und suchten sich eine Schlafstelle, jeder nach seiner Natur und Bequemlichkeit. Donkey legte sich draußen auf einen Haufen Palmblätter, Doggy hinter die Tür und Kittycat auf den Herd bei der warmen Asche, der Hahn setzte sich auf’s Dach. Weil sie müde waren von ihrem langen Weg, schliefen sie auch bald ein.

Als Mitternacht vorbei war und die Räubergang von weitem sah, dass kein Licht mehr im Haus brannte, auch alles ruhig schien, sprach Knifey der Gangleader: „Wir hätten uns doch nicht sollen so ins Abeng jagen lassen, unser Dope ist noch in der Hütte!“ und hieß Einen hingehen und das Haus untersuchen. Der fand alles still, ging in die Küche, ein Licht anzünden, und weil er die feurigen Augen der Katze für glühende Kohlen ansah, hielt er ein Schwefelhölzchen daran, dass es Feuer fangen sollte. Aber Kitty verstand keinen Spass, sprang ihm ins Gesicht, fauchte und kratzte. Da erschrak er gewaltig, lief und wollte zur Hintertüre hinaus, aber Doggy, der da lag, sprang auf und biss ihn ins Bein. Und als er an Donkeys Lager am Strand vorbei kam, gab der ihm noch einen tüchtigen Schlag mit dem Hinterfuss mit. Roosty aber, der vom Lärmen aus dem Schlaf geweckt und munter geworden war, rief vom Dach herab: „Kikerikiii!“ Da lief der Räuber, was er konnte, zu Knifey und dem Rest der Gang zurück und sprach: „Bomboclaat!!!, in dem Haus sitzt eine gräuliche Obeahfrau, die hat mich angehaucht und mit ihren langen Fingern mir das Gesicht zerkratzt. Und vor der Tür steht Einer mit einem Buschmesser, der hat mich ins Bein gestochen. Und am Strand liegt ein schwarzes Ungetüm, das hat mit einer Holzkeule auf mich losgeschlagen. Und vom Dache oben her rief Einer ‚Das Dope kriegt ihr nie!‘ Da machte ich, dass ich fortkam.“ Von nun an getrauten sich die Räuber nicht wieder in das Haus und zogen weiter nach Montego Bay.

Kittycat und den Rudeboyz, wie sich unsere tapferen Vier nun nannten, gefiel’s aber so wohl darin, dass sie nicht wieder heraus wollten. Roosty fand zufällig in einem Versteck zwischen Dachbalken ein duftendes Päckchen – die Räuberbeute. „Sieh mal, Donkey, was ich gefunden habe. Das dünkt mir gutes Heu zu sein!“ Donkey nahm das Päckchen in Augenschein und sog den Duft durch die Nüstern. „Das ist kein mir bekanntes Heu, aber in der Tat scheint es gut zu sein!“ meinte er dann recht angeheitert. Doggy schnüffelte „Ich kenne mich mit Derlei nicht aus, meine lieben Brüder. Bedaure!“ Da kam die dreadlockbeschwanzte Kittycat um die Ecke scharwenzelt. „Oh, was habt ihr da Feines, das mutet mir vertraut an.“ Mit ihrem feinen Näschen erschnupperte sie, dass sich im Päckchen bestes Wunderheu, welches auch Ganja hiesse, befinden musste. Als Rastakatz wusste sie auch um die Wirkung dieses Ganjas und wie man es benutzte. Sie warf etwas davon in das noch schwelende Herdfeuer und ein paar Atemzüge später waren plötzlich alle verzückt und lachten und scherzten und hatten sich noch furchtbarer lieb, als so schon.

Sonnenuntergang Südküste Jamaika

Draussen brach die Dämmerung herein und die Grillen fingen an, ihre Geigen zu stimmen. „Lasst uns ein Feuer am Strand anfachen und gemeinsam musizieren.“ schlug Donkey vor. Begeistert stimmten alle zu und so sassen sie bald am Lagerfeuer und es erklang die schönste Musik, die man sich vorstellen konnte. Ab und zu warf einer eine Handvoll von dem Wunderheu ins Feuer. Ein wundervoller Sonnenuntergang senkte sich in ein flammengefärbtes Meer und die Nacht war voller Harmonie. Kitty wurden vor Rührung die Augen nass und Doggy sang daraufhin zur Rumbabox „No woman, nuh cry!“. Da fingen bei allen an, die Tränen zu kullern und es  war nun für die Vier beschlossene Sache, dass man nicht nach Kingston weiterziehen müsse. Denn etwas Besseres als hier würde man dort kaum finden.

HAPPY END!

Tja liebe Mitreisende, … so happy endet leider nicht jedes Tierleben auf Jamaika, viele Haus- und Nutztiere fristen ihr Dasein als Streuner. Weggelaufen, verjagt oder ausgesetzt sieht man sie in der Gegend herumlungern, immer da, wo sie Fressbares vermuten. Die meisten Jamaikaner sehen in dem, was wir unsere besten Freunde nennen, nur einen Gegenstand mit Nutzen. Und wenn dieser irgendwann verloren ist, ist auch das treueste Tier wertlos, nicht mehr des Futters wert und wird im besten Fall fortgejagt. Aber das… ist eine ganz andere Geschichte.

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