Das Bellefield Great House in Montego Bay – Ausflug in die Kolonialzeit Jamaikas
In den Hügeln am südlichen Rand von Montego Bay liegt am Ende einer gewundenen Einfahrt das Bellefield Great House. Vom Anwesen über der quirligen Touristenmetropole hat man einen atemberaubenden Blick auf die Stadt und das türkisblau leuchtende Karibische Meer. Das Bellefield Great House mag nicht so imposant sein, wie das Rose Hall Greathouse oder das Great House von Greenwood.
Doch es hat eine interessante Geschichte, die bis in die Gegenwart lebendig ist. Das üppig-grüne tropische Anwesen, auf dem das Bellefield Great House steht, war nämlich eine der ältesten Zuckerrohrplantagen in Jamaika und gehört heute noch einer der einflussreichsten Familien der Insel.
Das Bellefield Great House in Montego Bay ist sehr gut erhalten. Es überstand die Christmas Rebellion – die auf Plantagen in der Gegend um Montego Bay herum begann und blutig endete – und weitere Sklavenaufstände unbeschadet. Bellefield wurde von den Besitzern nie aufgegeben, weswegen noch viele der originalen Einrichtungs- und Kunstgegenstände bei einer Führung im Bellefield Great House zu sehen sind.
Consilio Et Armis – Die Kerr-Jarrett Story
In seiner Blütezeit umfasste der Besitz etwa 20000 Hektar die sich von Montego Bay bis Falmouth erstreckten und es dürften reichlich Versklavte diesen Reichtum aufgebaut haben. Das Anwesen, auf dem das Bellefield Great House erbaut wurde, umfasst heute nur noch über 10 Hektar Land, ist aber immer noch – und das bereits seit mehr als elf Generationen – im Besitz der gleichen Familie wie dazumal. Die Kerr-Jarretts waren zu Kolonialzeiten eine der reichsten Zuckerpflanzer-Dynastien, das Bellefield Great House der gesellschaftliche Mittelpunkte der Familie.
Es wurde durch John Kerr im 17. Jahrhundert als Außenposten der britischen Kolonialmiliz errichtet und zum offiziellen Wohnsitz für sieben Generationen der Familie ausgebaut. John Kerr bekam das Land für seine Verdienste im Kampf um die Übernahme Jamaikas von den Spaniern 1655. Johns Neffe David Kerr, ein schottischer Arzt und Generalmajor der britischen Kolonialmiliz in Jamaika, heiratete Sarah Jarrett, welche eine Nachfahrin von Colonel Nicholas Jarret war.
„Dies war die Geburtsstunde des berühmten Nachnamens Kerr Jarrett und die Schaffung eines Vermächtnisses, das der Gemeinde St. James das historische und weitläufige Barnett Estate bescherte, gekrönt vom majestätischen Bellefield Great House.“ – Quelle: https://bellefieldgreathouse.com/
Consilio Et Armis – Mit Weisheit und Waffen – so lautet das Familienmotto der Jarretts von jeher. In der Geschichte der Familie Kerr-Jarrett wurde eine Zeit lang der Posten des „Custos rotulorum“ von St. James an die männlichen Nachfahren weitergegeben. Das Amt eines Custos wurde seinerzeit in Jamaika als eine Art Gemeindevorstand verstanden. Er wurde vom Gouverneur als sein Vertreter ernannt, um bei der Aufrechterhaltung der guten Ordnung und Disziplin in der Gemeinde sowie bei der Aufrechterhaltung der Rechtsstaatlichkeit zu helfen. Dabei haben sich die Kerr-Jarrets nicht nur mit Ruhm bekleckert, spielte doch Sir Francis Moncreiff Kerr-Jarrett eine unrühmliche Rolle im Coral Garden Massacre von 1963.
„The Living History Tour“ – Alltag einer Pflanzerfamilie im 18. Jahrhundert
Die Tour begann für uns im Ticketbüro und sofort waren wir mittendrin im Alltag eines Great House zu Kolonialzeiten. Eine riesige gemauerte Feuerstelle mit Rauchfang zieht die Aufmerksamkeit der Besucher auf sich. In diesem Raum befand sich früher die Aussenküche des Anwesens. Damals war es üblich, die Küche mit dem Feuer nicht im Haus zu haben, um den Rauch fernzuhalten. Natürlich auch, damit im Brandfall nicht gleich das Wohnhaus mit abfackelte. Auf dem überdachten „Whistle Walk“ gehen wir nun den gleichen Weg die Küchenjungen, die einst das Essen aus der Küche zur Pantry brachten. Dabei erzählt uns unsere Führerin, wie es früher zuging:
Whistle Walk – Die Sklaven mussten pfeifen, wenn sie Essen von der Küche ins Haus brachten oder von der Pantry zum Speisezimmer. Durch diese Praxis stellte die Herrschaft sicher, dass unterwegs niemand in ihr Essen spucken oder unbeobachtet davon essen konnte. Wer nicht pfiff, wurde hart bestraft.
In der Pantry wurde das Essen von einem Vorkoster probiert und auf feinem Geschirr angerichtet, bevor es der Herrschaft im Esszimmer serviert wurde. Die Tafel ist freilich gedeckt mit dem feinsten englischen Porzellan der Kolonialzeiten. Vor allem wenn Gäste kamen, wurde das Beste von dem gezeigt, was man hatte. Schliesslich ging es um viel, sehr viel!
Das Great House als gesellschaftlicher Mittelpunkt der Reichen
In den Häusern der reichen Pflanzer wurden nämlich nicht nur Damenkränzchen und Herrenrunden abgehalten. Ein Great House diente vor allem als geschäftliches und soziales Zentrum. Hier wurden Geschäftsbeziehungen gepflegt, Ehen arrangiert und Politik gemacht. Das gesellschaftliche Leben der Zuckerrohrpflanzer war stark von wirtschaftlichen Interessen geprägt. So war auch das Bellefield Great House in Montego Bay zu Kolonialzeiten nicht nur Wohnstätte, sondern diente ausserdem als Treffpunkt für gesellschaftliche Ereignisse und Zusammenkünfte. Die Zuckerrohrpflanzer hatten nicht nur wirtschaftlichen, sondern auch politischen Einfluss. Viele von ihnen saßen in den lokalen Regierungen und beeinflussten die Gesetzgebung zu ihren Gunsten.
So zogen sich die Herren nach einem opulenten Mahl gerne ins Büro oder ins Raucherzimmer zurück, um dort bei einem Glas Hochprozentigem und edlen Rauchwaren ungestört von den Damen Geschäfte machen zu können. Davon zeugen noch einige Bücher im Büro, in denen z.B. jeder Versklavte mit Geschlecht, Alter, Herkunft und Besonderheiten sowie Kaufpreis vermerkt war.
Die Ladies machten es sich derweil wahrscheinlich auf den edlen Mahagonimöbeln im oberen Wohnzimmer gemütlich, wo sie beispielsweise Gedichte rezitierten, sich gegenseitig vorlasen oder sich die Zeit mit Stickereien und anderen Handarbeiten vertrieben. Mit Sicherheit haben sie auch den neuesten Klatsch ausgetauscht und ihre kleinen Intrigen gesponnen. Vermutlich haben sie auch ausdiskutiert, was man zum nächsten Ball anziehen soll.
Jamaikanisch-Georgianische Architektur im Bellefield Greathouse in Montego Bay
Die georgianische Architektur war vom frühen 17. bis zum späten 19. Jahrhundert der beliebteste Stil in Jamaika. Aus England stammend wurde der Stil modifiziert, um den Umgebungsbedingungen und dem Klima angepasst bauen zu können. Die architektonisch gesehen strategisch günstige Lage des Bellefield Great Houses auf einem Hügel und die Ausrichtung zu den Himmelsrichtungen, sind genauso nützlich für die effiziente Boden- und Querlüftung wie die grossen Fenster. Die Kühle wird von den massiven Steinwänden im Gebäude gehalten.
Die Architektur des Bellefield Great House weist viele Merkmale auf, die den Plantagenhäusern gemeinsam sind, die diesen jamaikanisch-georgianischen Stil aufweisen. Beispielsweise das Erdgeschoss mit dicken Wänden aus Stein sowie ebenfalls kühlende Steinböden. Das Obergeschoss hingegen hat Holzböden und Holzwände. Sehr typisch für den jamaikanisch-georgianischen Stil sind auch die Jalousienfenster und die fast umlaufende Veranda. Mit dieser schuf man zusätzlichen Wohnraum und verlieh dem Haus eine tropische Luftigkeit.
Besonders an dieser Veranda ist, dass sie die einzige Möglichkeit war und ist, in die oben gelegenen Räume zu gelangen. Das Bellefield Great House hat keine Innentreppe, wie man sie in anderen erhaltenen Great Houses in Jamaika findet. Von der Veranda des Bellefield Great House hat man einen schönen Blick auf das weitläufige, gepflegte Anwesen. Es kann für Events wie Hochzeiten und andere Feste gemietet werden kann.
Ein Rundgang durchs Bellefield Great House in Montego Bay
Zur Veranda und den oberen Räumen gelangt man über zwei Treppen: Eine geht vom Wohnzimmer im Erdgeschoss ab und die andere führt nahe der Aussenküche nach oben. Die Treppe, die die Veranda und die Wohnräume im Erdgeschoss verbindet, ist mit den gleichen Holzvertäfelungen gestaltet, wie die Hauptwohnbereiche. Die oberen Wohnräume – Schlafzimmer, Wohnzimmer und Büro – haben allesamt Fenster oder Türen zur Veranda. Dadurch werden sie gut belüftet sind und es kommt genug Licht herein. Die Oberlichter in den Türen im Obergeschoss und zur Veranda sind mit hübschen Laubsägearbeiten geschmückt.
Zu sehen sind Einrichtungsgegenstände aus dem 18.Jahrhundert. Beispielsweise eine interessante Teekiste, welche man abschliessen konnte. So gedachte man, den eventuellen Diebstahl des damals kostbaren Gutes zu verhindern. Im Büro werden Buchhaltungsbücher mit handschriftlichen Eintragungen ausgestellt. Im Erdgeschoss des Bellefield Great Houses gibt es noch ein ein Wohnzimmer, das bereits erwähnte Esszimmer und die Pantry. Das Esszimmer lässt sich zum Garten hin über eine Terrassentür öffnen, was wegen der dunklen Möbel sehr geschickt für die Ausleuchtung des Raumes ist.
Auf der Rückseite des Grundstücks erstreckt sich ein gepflegter Rasen mit grossen Bäumen, darunter ein 300 Jahre alter Guango-Baum. Ausserdem spenden noch eine Pergola und ein Pavillon Schatten und fungierten damals auch als Rückzugsort für diskrete Unterhaltungen.
Als Zucker „King of Jamaica“ war …
Das gesamte Land im Umkreis des Bellefield Great House war zu Kolonialzeiten in verschiedene Estates aufgeteilt. Zumeist baute man dort Zuckerrohr an, welches man zu Zucker, Molasse und Rum verarbeitete. „Fast alles Land, was ihr von hier oben seht, war früher voller Zuckerrohr.“- erklärte uns die Führerin. Bei der Vorstellung wird deutlich, wie der Wohlstand der Pflanzer zustande kam.
Nur einen Steinwurf vom Bellefield Great Houses steht auf dem Gelände eine imposante Zuckerrohrmühle, deren Rumpf 1794 aus Steinen aus England erbaut wurde. Diese Steine verbaute man dazumal oft auf den Anwesen von Great Houses in Jamaika. Sie dienten als Ballast der Schiffe, die dann auf der Rückfahrt Zucker und Rum nach England brachten. Zuckerrohrmühlen in der Grössenordnung wurden in den Kolonien meist durch Bullen oder Esel angetrieben. Befüllt wurden sie natürlich von Versklavten – eine gefährliche Arbeit, die nicht selten böse Quetschungen von Händen und Armen zur Folge hatte.
Auf dem Bild rechts ist eine solche Mühle abgebildet, diese steht unter freiem Himmel. Das Mahlwerk der Mühle beim Bellefield Greathouse befand sich im gemauerten unteren Teil. Bei der Führung wird anhand eines Modelles erläutert, wie aus Zuckerrohr der Saft gewonnen wird. Warum man diese Zuckerrohrmühle allerdings so nahe beim Haus errichtete, ist uns nicht ganz schlüssig. Zuckerrohrsaft ist empfindlich und muss innerhalb kürzester Zeit verarbeitet werden.
Es müsste also auf dem Anwesen zumindest noch ein „Boiling House“ gegeben haben, darüber wurde aber bei der Führung nichts erzählt. Normalerweise waren die Wohnstätten der Pflanzer auch nicht so nahe an den Orten, wo Versklavte harte Arbeit verrichten mussten. Heute beschattet das Dach der Mühle ein gehobenes Restaurant. Dort, wo früher Tiere im Kreis liefen, um sie anzutreiben, lassen es sich wohlhabendere Montegonians vor der Sonne geschützt gutgehen. Im steinernen Bauch der Mühle endete dann auch unsere Führung mit einer Rumprobe.
Ausflugs-Kombis und Tipps für das Bellefield Great House in Montego Bay
Bellefield liegt sehr nahe zum Kreuzfahrthafen. Darum ist das Bellefield Great House ein interessantes Ziel für Ausflüge auf eigene Faust in Montego Bay. Tourvorschlag für Geschichtsinteressierte: Zuerst ins Montego Civic Centre. In diesem Museum erfahrt ihr alles über die Geschichte Jamaikas von der Erstbesiedlung durch die Taino bis zur Unabhängigkeit. Dann ein kleiner Spaziergang zum Sam Sharpe Place mit dem Cage. Weiter geht’s zur St. James Parish Church und von hier aus nach Bellefield. Habt ihr anschliessend noch Zeit, empfehlen wir den Harmony Beach Park. Was man sonst noch in Montego Bay entdecken kann, erfahrt ihr in unserem verlinkten Beitrag Montego Bay – Tipps für Jamaikas zweite Hauptstadt
Tipp: Meldet euch für eine Führung im Bellefield Great House unbedingt vorher an. Die Führung kann sonst nicht garantiert werden. Wir haben dies verpasst und bekamen eine verkürzte Tour von etwa 30 Minuten. Führungen im Bellefield Great House finden für Gruppen ab 4 Personen statt. Kontaktinfos findet ihr auf der Website des Bellefeld Great House
Was uns aufgefallen ist: Das Bellefield Great House in Montego Bay wirkt gegenüber dem Greenwood Great House recht unscheinbar. Trotzdem war und ist es im Besitz einer der wohlhabendsten und einflussreichsten Familien Jamaikas seit der Kolonialzeit.
Beim Rundgang in den Häusern der Zuckerbarone in Jamaika sollte man allerdings nicht in Kolonialromantik verfallen. Behaltet im Hinterkopf, dass unzählige Versklavte den Wohlstand durch ihre Arbeitskraft, mit ihrem Leid und ihrem Blut aufgebaut haben. Bei der Führung im Bellefield Great House erfährt man darüber wenig. Was logisch ist, denn es gehört ja immer noch Nachfahren der Zuckerrohrpflanzer. Diese haben zwar mit den Grausamkeiten der Kolonialzeit nichts zu tun, profitieren aber auch heute noch davon. Sehenswert ist das Bellefield Great House in Montego Bay trotzdem, besonders wenn man nicht viel Zeit in der Stadt verbringen kann.
Wer mehr Zeit mitbringt, dem empfehlen wir das Greenwood Great House. Dort kann man sich einen authentischen, aber intensiveren Einblick in de Kolonialzeiten Jamaikas verschaffen.
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