Jamaikas Nationalhelden im National Heroes Park * Kingston


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Jamaikas Nationalhelden? Na Bob Marley oder Usain Bolt, oder? Da ist auf jeden Fall etwas Wahres dran, doch wir möchten am heutigen National Heroes Day herausragende Persönlichkeiten der früheren Geschichte Jamaikas vorstellen. Allesamt sind sie mit der Bezeichnung „Our National Hero of Jamaica“ geehrt worden und führen den Titel „The Right Excellent“. Für diese Ehrenwerten gibt es in Kingston eine Ruhestätte der besonderen Art: den National Heroes Park.

Mitten im quirligen Süden von Kingston liegt eine Oase der Ruhe. Wo früher einmal Pferderennen stattfanden, wird heute der sieben Nationalhelden Jamaikas gedacht. Das 1956 in George VI Memorial Park umbenannte Gelände umfasst eine Fläche von etwa 20 Hektar. Bereits 1953 wurde das „Jamaica War Memorial“ hierhin verlegt – der wuchtige Kenotaph mit dem riesigen Kreuz on top, welcher als Ehrenstätte für die im Ersten und Zweiten Weltkrieg im Kampf getöteten Jamaikaner errichtet wurde. Nach der Erlangung der Unabhängigkeit Jamaikas von der britischen Krone wurde der Park in National Heroes Park umbenannt. Er fungiert seit 1973 als Gedenkstätte und Friedhof für geschichtlich wichtige Persönlichkeiten und die Premierminister Jamaikas. 1976 fand hier übrigens das „Smile Jamaica“- Konzert mit Bob Marley und den Wailers statt.

Die Wachablösung am Eingang des National Heroes Park in Kingston findet zu jeder vollen Stunde statt.

DIE NATIONALHELDEN JAMAIKAS

1969 wurden zum ersten Mal Menschen, die sich in der Geschichte Jamaikas verdient gemacht haben, zu Nationalhelden Jamaikas ernannt:

Marcus Mosiah Garvey

Der Sohn eines Maurers aus St.Ann’s Bay spielt für das Volk Jamaikas eine grosse Rolle. Marcus Garvey gründete in Jamaika die Universal Negro Improvement Association (UNIA) und propagierte die Selbstverwaltung der Schwarzen weltweit. Garvey trat gegen die Diskriminierung der schwarzen Rasse ein. Mit seinen Ideen und seinem Wirken verhalf er den ehemals Geknechteten auf Jamaika zu einem neuen, starken Selbstbewusstsein. Ausserdem wird ihm die Prophezeiung eines schwarzen Königs in den Mund gelegt, was er zwar selbst abstritt, wodurch er aber immer noch als wichtiger Inspirator für die Rastafari-Bewegung auf Jamaika angesehen wird.

Seine sterblichen Überreste wurden 1964 aus London in den National Heroes Park überführt. Das Monument an Garveys Ruhestätte stellt einen Stern dar, den Black Star, der oft als Symbol für die Rückführung der Schwarzen auf den Mutterkontinent Afrika steht, welches Marcus Garvey mit der Gründung der „Black Star Line“ zu realisieren versuchte. Die Spitzen des Sterns sind nicht geschlossen, was dem Betrachter vielerlei Deutungen offen lässt. Die Stirnseite der Grabstätte ziert eine Büste Marcus Garveys.

George William Gordon

Als Nächsten im Kreis der jamaikanischen Nationalhelden stellen wir George William Gordon vor. Er gilt als einer der Vorreiter der Idee eines unabhängigen, souveränen Staates Jamaika und als einer der geistigen Mitinitiatoren der blutigen Morant-Bay-Rebellion. Geboren als Versklavter, erlangte er nach der Abschaffung der Sklaverei auf Jamaika einen gewissen Wohlstand und Status. Dennoch fiel er vor allem als Kolonialkritiker auf. Er forderte, dass die Lebensbedingungen der ehemalig Geknechteten sich verbessern sollten und ihnen bürgerliche Rechte, wie z.B. ein Wahlrecht eingeräumt werden müssen. Während der Morant-Bay-Rebellion versuchte er, seinen politischen Einfluss zu nutzen, um eine friedliche Lösung zu erreichen. Obwohl er mit der Morant-Bay-Rebellion ansich gar nichts zu tun hatte, wurde er nach deren blutiger Niederschlagung zum Tode verurteilt und in Morant Bay gehängt.

George William Gordon hat ein gemeinsames Monument mit Paul Bogle, dem Anführer der Morant-Bay-Rebellion.

Zwei Skulpturen, die sich einander zugewandt gegenüberstehen, symbolisieren jeweils die fünf Finger einer Hand. In der Mitte steht ein unbearbeiteter jamaikanischer Marmorblock, der für Freiheit stehen soll.

Paul Bogle

Der Anführer der Morant-Bay-Rebellion war keinesfalls ein rebellischer Aufständischer. Paul Bogle ist vermutlich frei geboren worden und war baptistischer Diakon in der Gegend um Morant Bay im Südosten Jamaikas. Auch ihm ging es gegen den Strich, dass die Bevölkerung Jamaikas überwiegend in Armut lebte und keinerlei Bürgerrechte besass. Wie G. W. Gordon forderte er das Wahlrecht für alle. Die Morant-Bay-Rebellion entwickelte sich aus einer Protestaktion. Ein schwarzer Jamaikaner wurde dafür angeklagt und verurteilt, eine verlassene Plantage betreten zu haben, worauf mehrere Männer versuchten, ihn zu befreien, was auch gelang. Gegen alle wurden Haftbefehle erlassen, was Bogle veranlasste, mit mehreren hundert Leuten vor dem Gerichtsgebäude in Morant Bay dagegen zu protestieren. Die Polizei eröffnete in Panik sofort das Feuer, 7 Demonstranten starben und in den darauffolgenden Unruhen starben nochmal 18. Die Lage eskalierte in einem Aufstand, der jamaikanische Gouverneur sandte Truppen aus, damit sich der Aufstand nicht über die ganze Insel verbreitete. Mehr als 400 schwarze Jamaikaner wurden von Truppen getötet, ca 350 schwarze Jamaikaner wurden verhaftet und später hingerichtet und 600 Strafen einschließlich Prügelstrafen und Gefängnisstrafen wurden verhängt. Paul Bogle wurde ebenso wie G. W. Gordon hingerichtet.

Die Morant-Bay-Rebellion gilt als einer der Wendepunkte der jamaikanischen Geschichte. Dafür wurden Paul Boogle und George William Gordon posthum mit der „Order of National Hero“ geehrt, die auch den korrekten Titel „The Right Excellent“, vor den Namen gestellt, verlangt.

Norman Manley

Als bedeutender Politiker für die Unabhängigkeit Jamaikas setzt Norman Manley die Riege der Nationalhelden Jamaikas fort. Er gründete 1938 die erste Partei Jamaikas, die People’s National Party (PNP). 1955 bis 1959 wurde Norman Manley Chief Minister und führte – mehr oder weniger gemeinsam mit Alexander Bustamante – Jamaika in die endgültige Unabhängigkeit. 1959 wurde Jamaika die innere Autonomie zugestanden. Von da an fungierte Norman Manley als Premierminister. Nach seinem Tod 1969 wurde er seiner Verdienste für die Unabhängigkeit wegen zum Nationalhelden Jamaikas ernannt.

Das Monument seiner Ruhestätte besteht aus zwölf Säulen, die in zwei Kreisen angeordnet sind, die den selben Mittelpunkt haben. Die inneren Säulen sind höher, als die äußeren. Jede innere Säule ist durch ein horizontales Element mit der benachbarten äußeren Säule verbunden, und auch die inneren Säulen sind teilweise durch einen Ring miteinander verbunden. Jedes Säulenpaar soll einen bestimmten Aspekt in Manleys Leben verdeutlichen. Manleys Grab befindet sich in der Mitte und wird von einem sechszackigen Stern gekrönt. Zwei figürliche Skulpturen ergänzen das Monument. Sie stellen einen Mann und eine Frau dar, die die Geburt einer vereinten Nation symbolisieren.

Alexander Bustamante

Eigentlich als William Alexander Clarke geboren, erwarb sich Bustamante gemeinsam mit Norman Manley den Status als Nationalheld durch Verdienste im Zusammenhang mit der Erlangung der Unabhängigkeit Jamaikas. 1943 gründete er die zweite grosse Partei Jamaikas, die Jamaica Labour Party (JLP). Diese gewann die ersten Wahlen und von 1953 – 1955 leitete der Parteichef Alexander Bustamante als erster Chief Minister Jamaikas einen großen Teil der Geschicke des Landes. Alexander Bustamante war nach der Unabhängigkeit von Grossbritannien ab 1962 bis 1967 der erste Premierminister des neu gegründeten Staates Jamaika.

Bustamantes Grab bildet den Mittelpunkt des kreisförmig für ihn errichteten Monumentes im National Heroes Park. Es wird überspannt durch einen Bogen – der oben schmal ist und sich zur Basis hin erweitert – aus einheimischem Marmor. Jeweils in der Basis des Bogens sind Sitze integriert, sie verdeutlichen die Volksnähe Bustamantes. Der Bogen selbst überspannt zehn Meter und ist ein Symbol großer Stärke. Elegant einfach und anmutig, aber dennoch kraftvoll, so war Alexander Bustamantes Charakter.

Samuel „Sam“ Sharpe

“I would rather die upon yonder gallows, than live in slavery.” – die letzten Worte von Sam Sharpe auf dem Marktplatz von Montego Bay, wo er am 23 Mai 1832 gehängt wurde, drücken seine Rolle in der Geschichte Jamaikas aus. Samuel Sharpe wurde unfrei geboren, lernte jedoch lesen und schreiben. Als reisender Baptistendiakon hatte er die Möglichkeit, sich mit Versklavten verschiedener Plantagen zu treffen und konnte so seine Überzeugung von der Ungerechtigkeit der Sklaverei verbreiten. Denn obwohl das britische Parlament den Plantagenbesitzern bereits 1820 Direktiven zur Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Versklavten sendete, lehnte die jamaikanische Kolonialregierung ab, diesen Anweisungen zu folgen. Weihnachten 1831, genau zur Zeit der Zuckerrohrernte, ruft darum Samuel Sharpe die Geknechteten zu einem Streik für die Beendigung der Sklaverei auf. Dieser Streik weitete sich über die Grenzen von St.James auch auf benachbarte Parishes aus. Die Sklaven fingen an, Zuckerrohrfelder anzuzünden.

Sharpe musste einsehen, dass ein friedlicher, passiver Widerstand mit den aufgebrachten Sklaven nicht möglich ist. Als das Kensington Estate Great House in Flammen aufging, wurde es den Pflanzern zu bunt und sie ergriffen Gegenmassnahmen. Sie forderten militärische Truppen an. Der Aufstand dauerte 8 Tage und führte zum Tod von ca. 190 Sklaven und zwei Dutzend weißen Aufsehern und Pflanzern. Mehr als 500 Versklavte wurden verurteilt, viele von ihnen wurden hingerichtet oder kamen anderweitig brutal zu Tode. Samuel Sharpe wurde als Letzter gehängt. Die blutigen Ereignisse um die „Christmas-Rebellion“ lösten Untersuchungen aus, die dazu beitrugen, dass die Sklaverei 1833 mit dem „Slavery Abolition Act“ endlich abgeschafft wurde. 1975 wurde Samuel Sharpe zum jamaikanischen Nationalhelden ernannt.

Die Elemente des Denkmals für Samuel Sharpe erzählen die Geschichte des passiven Widerstands. Das Kreuz steht für Passivität und spiegelt seine religiösen Überzeugungen wider. Im Monument selbst befindet sich eine Büste Sam Sharpes, die Sitze laden zum Innehalten und Nachdenken ein.

Nanny of the Maroons

„Queen Nanny“, „Granny Nanny“ – die einzige Frau unter Jamaikas Nationalhelden hat viele Beinamen. Sie schliesst vorerst den ehrwürdigen Kreis der National Heroes Of Jamaica. Viele Legenden ranken sich um die Anführerin der Maroons, die für ihre taktische Klugheit, aussergewöhnlichen Führungsqualitäten und ihre innere Stärke sowie ihren Mut bekannt war. Es ist nicht sicher belegt, ob die Ashantifrau und ihre fünf Brüder Accompong, Cudjoe, Cuffy, Johnny und Quao als Sklaven nach Jamaika verschleppt wurden, oder dort geboren wurden. Sicher ist aber, dass ihnen die Flucht gelang und sie in allen Himmelsrichtungen in den Bergen Jamaikas eigene Siedlungen gründeten.

Von dort aus bekämpften sie die Engländer mit Guerillataktiken und scharten immer mehr Anhänger um sich. Nanny übernahm 1720 mit Quao eine Siedlung in den östlichen Ausläufern der Blue Mountains, welche von da an Nanny Town genannt wurde. Heute heisst dieser geschichtsträchtige Ort Moore Town und ist unter anderem für seinen beeindruckenden Wasserfall – die Nanny Falls – bekannt. Nanny und ihre Brüder planten immer wieder Überfälle auf Plantagen, um die dort unter unmenschlichen Bedingungen schuftenden Versklavten zu befreien. Immer wieder versuchte die englische Kolonialmacht darum, der Maroons habhaft zu werden, doch es gelang ihnen nicht.

Die Maroons und ihre Strategin Nanny waren den Militärs durch ihre Ortskenntnis und ihre guten Tarnungsfähigkeiten, mit der sie es immer wieder verstanden, Hinterhalte zu legen, überlegen. Der „First Maroon War“ ging 1739 mit dem Abschluss eines Friedensvertrages zwischen den Briten und den Maroons zu Ende, den Cudjoe als Erster unterzeichnete. Nanny soll sehr verärgert gewesen sein, denn aus ihrer Sicht stand der Vertrag im Widerspruch zu den Grundregeln der Freiheit und sie betrachtete ihn als eine Form der Unterwerfung. Queen Nanny gilt auch heute noch als Inbegriff der Entschlossenheit und der Stärke, seine Freiheit zu verteidigen und hat darum einen extrem hohen Stellenwert für die Jamaikaner. Ihr genauer Todeszeitpunkt und dessen Umstände bleiben wohl auf immer so ungeklärt, wie die Frage, ob sie wirklich keine Kinder hatte oder ob sie – wie einige Quellen behaupten – je verheiratet war.

Das Monument für die Nanny of the Maroons rückt ihre Rolle als Anführerin der Maroonkrieger in den Mittelpunkt. Das Abeng, als Schlüsselsymbol für die Taktik, steht im Zentrum des Denkmals, dessen offene Wandelemente sich dreifach spiralförmig von innen nach aussen hin anheben. Zwei abstrakte Metallskulpturen mit maskenhaften Gesichtern, die Maroonkrieger darstellen, flankieren das Abeng und beschützen die Büste ihrer Queen Nanny.

Ausser den Nationalhelden Jamaikas sind im National Heroes Park auch Würdenträger der Neuzeit bestattet worden. Zuletzt bekam hier im Juni 2019 Edward Seaga ein Staaatsbegräbnis.

Im National Heroes Park in Kingston sind beigesetzt:
  • Donald Sangster – Premierminister Jamaikas von Februar bis April 1967
    Hugh Shearer – Premierminister Jamaikas von 1967 bis 1972
    Michael Manley – Premierminister Jamaikas von 1972 bis 1980 sowie 1989 – 1992
    Edward Seaga – Premierminister Jamaikas von 1980 bis 1989
  • Gladys Bustamante – „Lady B“, „Mutter der Nation“, ehemalige Mitarbeiterin und spätere Ehefrau von Alexander Bustamante sowie verdienstvolle „Ikone im Kampf für die Unabhängigkeit Jamaikas“. 
  • Edna Manley – Ehefrau von Norman und Mutter von Michael Manley , „Mutter der jamaikanischen Kunst“und bedeutende Kunstmentorin in Jamaika. 
  • Louise Bennett-Coverley – Volks-Idol, hochdekoriert für herausragende Leistungen zur Entwicklung von Jamaikas Kunst und Kultur, insbesondere der jamaikanischen Volkskunst, „Hüterin des jamaikanischen Patois“. 
  • Mallica „Kapo“ Reynolds – bedeutender Maler und Bildhauer Jamaikas, über die Landesgrenzen hinaus bekannt für die Umsetzung seiner religiösen Überzeugungen und Visionen in seinen Werken. 
  • Howard and Ivy Cooke – Generalgouverneur Jamaikas von 1991 bis 2006 und seine Ehefrau. 
  • Herb McKenley – herausragender Sprintsportler Jamaikas, errang bei den Olympischen Spielen 1948 als erster Sportler Jamaikas Gold und Silber, lief als Erster die 400 m unter 46 Sekunden. 
  • Ranny Williams – „Mas Ran“, sozial sehr stark engagierter Schauspieler, Comedian und Entertainer, der seine Popularität nutzte, um sich für soziale Belange der einfachen Jamaikaner einzusetzen. Einziger Nationalheld  Jamaikas, der nicht auf der Insel geboren wurde. 
  • Dennis Brown – Der „Kronprinz des Reggae“ war der Lieblingskünstler Bob Marleys und leistete einen wichtigen Beitrag für die Musikgeschichte Jamaikas

Das schwarze Gitter-Rolltor des National Heroes Parks wird von Soldaten der Jamaica Defence Force bewacht, der Eintritt ist allerdings frei. Die sehenswerte Wachablösung folgt strengen Regeln und erfolgt zu jeder vollen Stunde. 

Der National Heroes Day wird auf Jamaika immer am dritten Montag im Oktober zelebriert und ist auf der Insel ein echter Feiertag, an dem viele öffentliche Institutionen – wie Banken und Behörden – und auch viele Läden und Touristenattraktionen geschlossen sind. Bereits am Wochenende davor finden schon überall auf der Insel Feierlichkeiten statt.

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