Website-Icon TOUCHIN' JAMAICA

Rastafaris in Jamaika – Lebensweise, Antikultur oder Religion?

Bild mit dem Lion of Judah und dem Text "Rastafaris in Jamaika - Lebensweise, Antikultur oder Religion?"
Lesezeit: 13 Minuten

Rastafaris in Jamaika – Lebensweise, Antikultur oder Religion?

Peter Paul Zahl schrieb auf seiner Suche nach einer Begriffserklärung für Rastafari in Jamaika:

Zitat: „Rastafari ist eine Religion ohne geschriebene Regeln, für Individualisten, die sich Sorgen um das Wohlergehen der Menschen machen.“

Doch was Rastafari genau ist, kann man kaum in wenigen Sätzen aus dem Stegreif und schon gar nicht pauschal definieren. Oft wird Rastafari als Glaubensgemeinschaft oder Bewegung bezeichnet. Immerhin wurde Rastafari von der katholischen Kirche in England bereits 1982 als Religion anerkannt, obwohl die eigentlichen Strukturen, die eine Religion ausmachen, im Rastafari fast nicht zu finden sind. In diesem Beitrag geht es uns aber auch nicht darum, eine schubladenartige Definition zu finden. Sondern darum, tiefer einzutauchen in die interessante Glaubenswelt und Lebensweise der Rastafaris. Doch beginnen wir am besten beim Anfang: 

So entstand die Bewegung der Rastafaris in Jamaika

Rastafari entstand nicht einfach als eine Form des gegenkulturellen Ausdrucks oder des religiösen Glaubens. Nach der Abschaffung der Sklaverei 1834 waren die ehemals Versklavten zwar frei, aber ohne Rechte und mittellos. So kam es immer wieder zu Unruhen, Streiks, Aufständen und anderen unschönen Zwischenfällen gegen die immer noch herrschenden Briten auf Jamaika.

In den 1920er Jahren verlangten die Unterdrückten – angestachelt durch einen gewissen Marcus Mosiah Garvey – mehr Unabhängigkeit und eine gerechtere Besteuerung. Garvey soll sogar die Krönung eines schwarzen Königs in Afrika, der die Befreiung der Schwarzen bringen würde, vorausgesagt haben.

„Look to Africa when a King is crowned, for your redemption is at hand.“

entstammt jedoch aus dem von Garvey verfassten Theaterstück „Coronation of an African King“. Dieses wurde 1929 im Rahmen kultureller Veranstaltungen im Edelweiss Park, dem Hauptquartier der von Garvey gegründeten UNIA in Jamaika, aufgeführt. Zeitnah fand am 2. April 1930 die Krönung von Ras Täfäri Makonnen zum äthiopischen Kaiser (Negusa Negest). Der Name Haile Selassie I, sein Taufname, auf den der frisch Gekrönte sich nun wieder besann, bedeutet „Macht der Dreifaltigkeit mit göttlicher Abstammung“.

Lord of Lords, King of Kings  – Jah Rastafari

Schon kurz nach der Krönung Haile Selassies I traten den 1930er Jahren in Jamaika mehrere Prediger mit ähnlichen Botschaften über Selbstbestimmung der Schwarzen und Haile Selassie als schwarzen Messias auf, Darunter Leonard P. Howell, Joseph Hibbert, Archibald Dunkley und Robert Hinds. Wobei für viele Howell als „der erste Rastafari“ gilt. Alle vier verbreiteten die Lehre von der „Göttlichkeit Haile Selassie I“ mit ihrer eigenen Interpretationsweise.

Eine Überzeugung hatten sie jedoch gemeinsam: Dass Ras Tafari, der neu gekrönte äthiopische Kaiser, der dritte wiedergekehrte Messias und der König der Schwarzen sei. Womit nun wenigstens die Frage nach der Namensherkunft der Rastafari-Bewegung geklärt sein sollte. Der Glaube, Selassie würde die Afrojamaikaner zurück ins Mutterland nach Afrika führen, war ebenfalls essentieller Bestandteil der durch die Prediger verbreiteten Lehren.

Vielfalt innerhalb des Glaubens: Die wichtigsten Gruppierungen des Rastafari

Die Rastafari-Bewegung begann in den Armenvierteln von Kingston, der Hauptstadt Jamaikas. Dort fielen die Lehren und Prophezeiungen auf fruchtbaren Boden und breiteten sich auch auf dem Rest der Insel aus. Rasta-Camps wurden gegründet und unterschiedliche Rastafari-Gruppierungen – so genannte „Häuser“ – entstanden. Drei der ältesten und bedeutendsten sind die Zwölf Stämme Israels, die Bobo Shanti und der Nyabinghi-Orden.

Rastafari basiert auf dem abrahamitischem Glauben und betrachtet die Bibel – besonders das Alte Testament – zwar als heilige Schrift, interpretieren sie jedoch eigenständig und lehnen viele westliche Lehren ab. Viele Rastas sehen sich als wahre Israeliten und das Buch Exodus der Bibel als Symbol für die Verschleppung der Schwarzen aus Afrika während der Sklaverei. In Bezug auf Jesus variieren die Ansichten; manche sehen ihn als schwarzen Propheten, andere lehnen die traditionelle christliche Perspektive ab. Von jenen wird Haile Selassie als Reinkarnation Jesu betrachtet und als Verkörperung von Jah (= Gott) auf Erden verehrt.

Alle Rastafari-Häuser sind auch, was das Leben der Rastafari-Werte betrifft, etwas anders ausgerichtet. Darum treffen auch nicht alle Aussagen, die im folgenden Text über „die Rastafaris“ gemacht werden, auf alle Rastafari-Häuser zu.

Wie wird man Rasta und wie viele Rastafaris gibt es in Jamaika?

Rasta kann jeder durch das Annehmen und aktive Praktizieren der Ansichten und Lehren des Rastafari-Glaubens werden. Kinder von Rastafaris wachsen mit dem Glauben ihrer Eltern auf und werden im Sinne des Rastafari erzogen. Einige Rastafari-Häuser nehmen ihre Kinder durch eine Art Initiationsritus in die Gemeinschaft auf. So werden die Kinder der Nyahbinghi vom Ältesten oder Priester der Gemeinschaft „geweiht“. Der Grundsatz, dass Rastas sich nicht taufen lassen, bezieht sich lediglich auf eine Taufe im Sinne einer tatsächlichen Abkehr von Jah und der Aberkennung Haile Selassies als Gottheit.

Doch auch das kam und kommt vor. Immerhin haben sich viele bekannte Rastafaris – vor allem Anhänger der Twelve Tribes Of Israel – äthiopisch-orthodox taufen lassen, z.B. Peter Tosh, Bob Marley und sogar Über-Rasta Ras Mortimo Planno! Alle erhielten ein orthodoxes Begräbnis.

Rastafaris bauen keine Kirchen

Der Anteil der Rastafaris in Jamaika ist nicht belegt, die Angaben schwanken zwischen ein und drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Vielleicht ist es auch daher so schwer, eine Zahl zu nennen, weil die Rastafari-Bewegung keine eigenen Gotteshäuser errichtet. Ihren Glauben leben die eher zurückgezogen lebenden Rastas in Ritualen innerhalb ihrer Gemeinden aus. Die meisten beten täglich und halten Zwiesprache mit Jah.

Am Samstag gilt der Sabbath und es wird nicht gearbeitet. Im Tabernacle betreiben die Ältesten mit der Gemeinschaft dann Bibelkunde, und natürlich wird auch gesungen und getrommelt. Ein grosser Teil der religiösen Praktiken der Rastas besteht daher darin, die Bibel als Symbolbuch zu entschlüsseln und in ihren Treffen darüber zu diskutieren. Sie konzentrieren sich insbesondere auf das Alte Testament, aber auch aus anderen heiligen Schriften wird gelehrt.

Lebensart der Rastafaris: Die Suche nach spiritueller Reinheit

Rastafaris pflegen eine positive Weltanschauung, in der nichts Platz zu haben scheint, was auch nur ansatzweise als negativ empfunden werden kann. Geist und Körper „rein“ zu halten, ist nicht nur für die Rastafaris in Jamaika oberstes Gebot. Respekt vor der Schöpfung, die in jedem Individuum gesehen wird, ist einer der Leitsätze im Rastafari.

It is a livity – Es ist eine Lebensweise. Leben in Liebe, in Einheit. Es geht darum, die negative Energie los zu werden. Eins zu sein mit dem Geist und der Wahrheit. KEVOR WILLIAMS – Sänger Pentateuch *³

Rastafaris glauben an Reinkarnation und ursprünglich sogar, dass nur diejenigen sterben, die vom tugendhaften Pfad des Rastafari abweichen. Nachdem einige der strikten Rasta-Ältesten gestorben waren, wandelte sich diese Ansicht nach und nach. Rastafari-Anhänger sehen die Reinkarnation als Fortführung derselben Identität, von Moses über Jesus bis hin zu Haile Selassie. Sie betrachten sich als die wiedergeborenen biblischen Israeliten. Der Tod wird als von“ Babylon“ verursachtes Übel angesehen und als Übergang betrachtet, nicht als Ende.

„Livity“ – Ernährungsweise nach den Grundsätzen des Rastafari

Laut Definition der Rastafaris kann auch eine Ernährung, die den Körper zu lange belastet, nicht gut für den Geist sein, weil es ihn träge macht. Aus diesem Grunde essen sie beispielsweise kein Fleisch. Wenn, dann überhaupt nur von Tieren, die sich ausschliesslich von Pflanzen ernähren. Die meisten Rastas sind darum Vegetarier oder Veganer.

Rastas trinken keine Kuhmilch und benutzen kein Salz oder künstliche Gewürze. Sogar Eier lehnen strikte Rastafaris ab. Konsequente Rastas trinken auch keinen Alkohol. Alles, was industriell hergestellt und verarbeitet wird, gilt als verpönt. Die Küche der Rastas dürfte besonders Veganern zusagen. Nicht nur die verwendeten Zutaten sind reglementiert, auch die Zubereitung des „I-tal Food“ bezieht sich auf die Rasta-Regeln. 

Die Regeln nach denen Rastafaris leben, gehen weit über ihre Ernährungsweise oder ihr äusseres Erscheinungsbild hinaus. Da diese Regeln jedoch nirgends niedergeschrieben sind, werden sie unterschiedlich gelebt und sind im Sinne der „Grundregeln“ auch frei erweiterbar.

Autarke Selbstversorger im Einklang mit der Natur 

Rastafaris streben danach, im Einklang mit der Natur zu leben, sie sehen „Mutter Natur“ als Teil ihrer eigenen Einheit mit Jah. „Mutter Erde“ ist göttlich und muss als Schöpfung Jahs verehrt werden. Als Selbstversorger nehmen sich Rastas aus der Natur nur das, was sie gerade brauchen. Einige Rastafaris in Jamaika leben sehr zurückgezogen in den Bergen, wo sie in kleinem Rahmen Landwirtschaft betreiben. 

Doch auch wer in der Stadt lebt – und gerade in Kingston gibt es immer noch viele Rastas – besorgt wenn möglich eine kleine Parzelle mit dem Nötigsten für den Kochtopf. Man will vom „Shitstem“ (Wortspielerei für „das System“) unabhängig sein, weil man „Babylon“ nicht über den Weg trauen kann. Mit Babylon ist die Gesellschaft im Allgemeinen und die Regierung mit ihren „Politricks“ im Besonderen gemeint. 

Autonomie und Freiheit: Die Bedeutung des Individualismus in der Rastafari-Kultur

Rastafari streben in allem, was sie tun nach Unabhängigkeit und geben sich allerhöchstens mit Babylon ab, wenn es sein muss und ausschliesslich ihnen nutzt. Rastas kritisieren die Moral der Gesellschaft, insbesondere die der Regierenden und grenzen sich nicht nur durch ihre Lebensweise und äußere Erscheinung davon ab.

Every law is illegal, every government upon the face of the earth today is illegal. Not one of them is legal.
BOB MARLEY im Interview mit George Negus 1979

Rastafari erheben die Unabhängigkeit des Individuums zum Prinzip und lehnen daher alles ab, was die Entwicklung und die Freiheit des Einzelnen einschränkt. So werden alle etablierten Parteien und Regierungen rundheraus abgelehnt.

Die Kreativität der Rastafaris und ihr Ausdruck in verschiedenen Kunstformen

Die Rastafari-Kultur ist ein beeindruckendes Beispiel für kreative Vielfalt und Selbstausdruck. Die Kreativität der Rastas drückt sich in vielen Kunstformen aus. Allen voran die Musik, denn Reggae wurde von den Gesängen und Trommeln der Rastafaris in Kingston mit geprägt. Ein wichtiges Merkmal des Reggae sind die oft spirituelle Botschaften, wie sie im Glauben der Rastafaris verbreitet werden.

Die tiefe Verbundenheit mit der Natur und den afrikanischen Wurzeln der Rastafaris in Jamaika sind besonders in den visuellen Kunstformen wie Malerei und Kunsthandwerk sichtbar. Stolz und Spiritualität spiegelt sich auch in der Mode der Rastas wider, die durch farbenfrohe Kleidung und häufige Verwendung der Rastafari-Symbole auffällt. Sogar die Ausdrucksweise, die sich die Rastafaris zu eigen machten, ist eine kreative Neuschöpfung, unter Anderem aus dem Englischen.

Die Poesie des „I-yaric“ – Wie sich Rastafari ausdrücken

Die Art, wie sich vor allem Rastafaris in Jamaika ausdrücken, baut auf dem Jamaican Patois auf. Wiederum finden sich im unverkennbaren Inseldialekt viele Wortschöpfungen der Rastafaris wieder. Rastas versuchen mit dem so bezeichneten „I-yaric“ mittels spezieller Ausdrücke und Wendungen ihre Religion und positive Weltanschauung quasi bildhaft zu verdeutlichen. Dazu wird oft der Anfang eines Wortes durch «I» ersetzt.

„I“ bezieht sich dabei auf die spirituelle Einigkeit von Mensch (man selbst) und Schöpfer, welche mit „I and I“ verdeutlicht wird. Creator wird zu I-retah. Praises – die Loblieder, die man ihm singt – werden zu I-ses. Und alle Menschen sind I-qual, also gleichgestellt.

Auch das in der breiten Bevölkerung Jamaikas verwendete „I-rie, entstammt der Rastafarisprache. Es bedeutet so viel wie „frei, glücklich, gut“. „Yuh I-rie?“ ist die Frage nach dem Wohlbefinden, auf die man ebenfalls mit „I-rie!“ antworten kann.

Um die positiven Gedanken nicht mit negativen Ausdrücken zu beeinflussen, werden solche vermieden. Beispielsweise wird das Wort „hello“ nicht verwendet, da man darin die englischen Wörter „hell“ und „low“ hören kann. Auch Wörter, in denen man „dead“ heraushört, sind in der Rastasprache tabu. Auffällig oft werden im I-yaric der Rastafari negativ klingende Vorsilben einfach mit positiven ersetzt und umgekehrt. Mittels verschiedener Wortspielereien bekommen Ausdrücke ihren „eigentlichen“ Sinn zurück.

So wird zum Beispiel aus politics -„politRicks“ und aus cigarette – blin(d)garette. I-yaric hat viele ungeschriebene Regeln und könnte von den Rastafari insbesondere auch dazu geschaffen worden sein, um Babylon klar auszugrenzen und Aussenstehende zu erkennen. Seen?

Ganja, Weed, Herb: Die spirituelle Bedeutung des ‚Heiligen Krautes‘ für Rastafaris

Zur Routine eines Rastafaris in Jamaika gehört möglichst tägliche Meditation und das sich Auseinandersetzen mit der inneren Vollkommenheit. Dazu wird oftmals Cannabis konsumiert, welches Rastas auch als „Gotteskraut“ bezeichnen. Marihuana wird auch bei Zusammenkünften von Rastafaris auf rituelle Weise mit einer Chalice geraucht. Beim miteinander debattieren, dem so genannten „Reasoning“, geht die Chalice unter den Beteiligten herum. Diese sehen die Nutzung von Cannabis zur Erreichung tranceähnlicher Zustände in der Offenbarung des Johannes begründet:

Vers 22,2 LUT „ […] und die Blätter der Bäume dienen zur Heilung der Völker“

Marihuana wird von den Rastas als „Healing Of The Nation“ bezeichnet, doch nicht jeder Rastafari in Jamaika konsumiert Ganja. Auch bestimmte Arten von Musik wirken bewusstseinserweiternd und heilend. Die Trommelrhythmen der Rastas sind die tiefsten Wurzeln des Reggae.

Die Musik der Rastafaris in Jamaika und ihr Einfluss auf den Reggae

Rhythmische Musik spielt für Rastafaris eine genauso wichtige spirituelle Rolle, wie Marihuana. In der landläufigen Vorstellung ist der Rastafari-Glaube enger mit Reggae verbunden als mit jeder anderen Musik. Rasta-Musiker wie Bob Marley und unzählige andere tragen zur Zementierung dieser Vorstellung bei. Doch die wichtigste musikalische Ausdrucksform der Rastafaris in Jamaika ist nicht etwa Reggae, sondern die sogenannte Nyabinghi-Musik, welche bei den Zusammenkünften und Grounations, gespielt wird.

Die Trommel gilt bei den Rastafaris als Symbol für Afrika und Jahs Geist ist für sie in der göttlichen Energie der Trommel gegenwärtig. Die afrikanische Musik überdauerte die dunklen Zeiten der Sklaverei, weil deren motivierender Rhythmus manchen Plantagenbesitzern zupass kam. Auch durch die Maroons – ehemals Versklavte, die versteckt in den Bergen lebten – konnte die afrikanische Kultur weitergepflegt werden.

Die Bezeichnung Nyabinghi stammt aus einer Bewegung in Ostafrika von Mitte des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Niyabinghi-Gesang beinhaltet typischerweise das Rezitieren von Psalmen, kann aber auch Variationen bekannter christlicher Hymnen beinhalten. Die Gesänge der Rastafaris in Jamaika enthalten Ideen der Erlösung und Rückführung der Schwarzen nach Afrika.

Eine andere wichtige Rolle in der Rastafari-Musik spielen die Burru-Trommeln, deren Rhythmen dem Herzschlag folgen und von kraftvollen, gospelähnlichen, manchmal mystisch anmutenden Gesängen unterstützt werden. Die Rhythmen der Trommeln und der „Chants“ – der Gesänge – beeinflusste erheblich die Entstehung des Ska und somit auch des Reggae.

Warum nicht jeder, der Dreadlocks trägt, ein echter Rastafari ist

Wohl jeder, der das Wort „Rasta“ hört, hat sofort vor allem ein Bild im Kopf. Die Vorstellung von Menschen mit lustigen „Rastazöpfen“ ist tief verankert. Trotzdem sind nicht alle, die so eine Frisur zur Schau stellt, nicht auch gleich „echte Rastas“. Seit der Diskussion darum, ob das Tragen ritueller Frisuren in anderen Kulturkreisen kulturelle Aneignung sei, sollte das auch Nichteingeweihten noch klarer sein.

Dreadlocks sind nicht die Art von Frisur, die sich so manche/r als Urlaubssouvenir aus Jamaika oder von anderswo aus der Karibik mitbringt. Diese «Braids» – filigran geflochtene Zöpfe, die meistens ganz nahe an der Kopfhaut sitzen – haben mit echten Dreadlocks nichts zu tun.

Warum Rastafaris in Jamaika und auf der ganzen Welt Dreadlocks tragen

Dreadlocks entstehen, wenn man das Haar nicht mehr auskämmt und es so verfilzt. Diese dicken Haarsträhnen sind im Rastafari das Symbol der Stärke und werden mit einer Löwenmähne gleichgesetzt. Dreadlocks sind keine „Erfindung“ der Rastas, wie oft behauptet wird. Man findet diese Art rituelle Frisur in vielen Kulturen und sie werden bereits in der Bibel erwähnt. Für Rastafaris dürften unter anderem diese beiden Bibelstellen relevant sein:

4 Mose 6:5 / LUT- Solange die Zeit solches seines Gelübdes währt, soll kein Schermesser über sein Haupt fahren, bis das die Zeit aus sei, die er dem HERRN gelobt hat; denn er ist heilig und soll das Haar auf seinem Haupt lassen frei wachsen.
3 Mose 21:5 / LUT- Sie sollen auch keine Platte machen auf ihrem Haupt noch ihren Bart abscheren und an ihrem Leib kein Mal stechen.

Echte Dreadlocks – oft unter einem Tam oder eng gewickelten Turban verborgen – wie sie die Rastafaris in Jamaika tragen, haben Symbolcharakter und entstehen über Jahrzehnte hinweg als offensichtliches Bekenntnis zum Rastafari-Glauben.

Löwe, Raute, Davidstern – Rasta-Symbole und ihre Bedeutung

Wer mit offenen Augen durch Jamaika reist, dem werden auch die Symbole des Rastafari nicht entgehen. Zuerst fällt besonders die Farbenkombination Grün, Gelb und Rot – welche auch in der Flagge Äthiopiens vorkommt – auf. Rastas verwenden oft die Flagge Äthiopiens aus der Herrscherzeit Haile Selassies. Auf ihr sind nicht nur die Farben Grün, Gelb und Rot kombiniert, sondern sie zeigt auch den Löwen von Juda, einstiges Symbol der äthiopischen Monarchie.

Lion of Judah – Der Löwe von Judah

Ein wichtiges Symbol für die Rastafaris ist der Löwe. Der „erobernde Löwe“ repräsentiert Haile Selassie, den „König der Könige“, und ist ein Symbol für Stärke und Kraft. Rastas versuchen, den Geist des Löwen zu verkörpern: stolz, unabhängig und stark. Die Dreadlocks der Rastafaris ähneln einer Löwenmähne. Löwendarstellungen sind darum immer auch ein Hinweis auf den Bezug zur Rastafari-Kultur.

Erwähnung findet der Löwe von Judah in eine Textstelle in der Offenbarung des Johannes (5,5 LUT): „Und einer von den Ältesten spricht zu mir: Weine nicht! Siehe, es hat überwunden der Löwe aus dem Stamm Juda, die Wurzel Davids, aufzutun das Buch und seine sieben Siegel.“

Die Herkunft aus dem Stamme Davids und die Verortung des biblischen Israels nach Äthiopien erklärt auch die häufige Verwendung des Davidsternes. Haile Selassie gilt bei vielen Rastafaris in Jamaika als Abkömmling des alttestamentlichen König Salomo und der Königin von Saba, sein Vater Ras Makkonen soll ein Cousin des Kaisers Menelik II. gewesen sein.

Da die Rückkehr ins gelobte Land für die Rastafaris an erster Stelle steht, ist auch das Bild des afrikanischen Kontinents ein häufiger Bestandteil der Bildsymbolik im Rastafari.

Die „Raute“ gilt im Rastafari als Ausdruck der Einheit und Spiritualität

Die Handgeste, bei der beide Daumen vor dem Körper nach oben gedreht und mit den Zeigefingern zu einer Raute geformt werden, ist ein symbolischer Ausdruck der Rastafari-Kultur. Diese Geste repräsentiert die Einheit und Verbundenheit innerhalb der Rastafari-Gemeinschaft sowie ihre spirituelle Haltung. Die Raute symbolisiert auch die Dreifaltigkeit von Jah, Haile Selassie I und dem Heiligen Geist. Durch das Formen der Raute bringen Rastafaris ihre Verehrung und ihren Respekt für diese spirituelle Dreifaltigkeit zum Ausdruck.

Darüber hinaus wird die Raute oft als Zeichen der Dankbarkeit und des Friedens verwendet, sowohl in rituellen Praktiken als auch im alltäglichen Leben. Es ist ein visuelles Symbol für die Werte der Rastafari-Bewegung, darunter Einheit, Liebe, Frieden und Spiritualität. Die Geste dient den Rastafaris auch dazu, sich untereinander zu identifizieren und ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zu zeigen. Insgesamt repräsentiert die Raute die Kernprinzipien und Überzeugungen des Rastafari.

Queen vs Familienversorgerin – Frauenbild und die Rolle der Rastafari-Frau

Die Rolle der Rastafrau und ihre gesellschaftliche Stellung machte fast parallel die gleichen Veränderungen durch, wie sich das Rollenbild der Frauen besonders in der uns vertrauten Gesellschaftsform des westlichen Patriarchismus verändert hat. Bis in die späten 1970er Jahre war ausschliesslich der Mann das Oberhaupt der Familie und die Frau war ihm untergeordnet. Auch in verschiedenen Rastafari-Gruppierungen gab und gibt es diese explizite Ideologie der Unterordnung der Frauen.

Eine Frau konnte nur durch ihren Mann Rastafari werden, ausser sie wurde in die Gemeinschaft hinein geboren. Er lehrt sie, was der Glaube gebietet. Sie musste ihrem Mann gehorchen und das tragen, was ihr Mann ihr gesagt hat. Er sieht sie gerne in Rücke gehüllt und ungeschminkt. Ihr Haar sollte sie bedecken, auch keinen Schmuck tragen. Sie erzieht die Kinder, führt den Haushalt und macht sich für die Gemeinschaft nützlich. Sie ver- und umsorgt ihren „King Man“, dem sie selbstverständlich treu zu sein hat, auch wenn er es nicht ist. Rastafaris üben übrigens keine Geburtenkontrolle aus und in einigen Gruppierungen gilt die Frau im Verlauf des weiblichen Zyklus als unrein. Dann darf sie nicht kochen und lebt vom Mann separiert.

Frauen hatten im Rastafari keine eigene Meinung zu haben, was auch die Bezeichnung als „Dawta“ unterstreicht. In weiten Teilen der Rastafari-Bewegung beteiligten sich Frauen nicht an öffentlichen Diskussionen und nahmen nur selten an Feierlichkeiten teil. Es herrschte eine strikte Arbeitsteilung: Frauen blieben im häuslichen Bereich und Männer im öffentlichen Bereich wo ausschliesslich Männer etwas zu sagen hatten und die Entscheidungen trafen.

Generiert von Touchin‘ Jamaica mit dem KI-Bildgenerator von Microsoft, bearbeitet mit Canva

 „Dawta“ bye, bye  – Die moderne Rastafari-Frau sieht sich als Königin

Für einige Rastafari-Häuser gilt dieses Frauenbild auch heute noch. Es besteht eine Spannung zwischen dem Feminismus als Befreiungsbewegung und Rastafari als Befreiungsideologie. In anderen Rasta-Gemeinschaften wandelt sich die gesellschaftliche Rolle der Frau. Rastafrauen werden selbstbewusster, die Wahrnehmung der eigenen Wichtigkeit für die Gemeinschaft wächst in ihnen.

 Rastafrauen präsentieren sich heute oft selbst als „Queen“ oder „Empress“ mit deren natürlicher Schönheit die westlichen Schönheitsstandards nicht mithalten können. Oft verwenden sie den Ausdruck „Lioness“, um mit dem Symbol der Löwin ihre gleichberechtigte Rolle in der Partnerschaft abzubilden. Sicher trägt dazu auch die Musikszene bei, in der Rastafrauen längst ihre Stimme erheben und so zu Vorbildern in Sachen Gleichberechtigung werden.

Das Familienleben ist den Rastas wichtig und wird hoch geschätzt. Moderne Rastafaris in Jamaika konzentrieren sich auf ein gemeinschaftliches Familienleben. Männern wird es immer wichtiger, viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen. Väter versuchen, aktive und positive Vorbilder für Kinder zu sein. 

Alles super spannend, doch: Was ist nun Rastafari?

Auf diese Frage finden selbst promovierte Kulturwissenschaftler keine zufriedenstellende Definition aka Schublade. Man kann Rastafari sowohl als Lebensphilosphie und Religion, als auch im Sinne einer Antikultur betrachten. In einigen Abhandlungen ist sogar von sektenähnlichen Strukturen des Rastafari die Rede. Heinz-Jürgen Loth M.A.(dessen Dissertation über „Die Anfänge von Rastafari und das Problem der Afrikanizität“ u.A. als Informationsquelle für diesen Beitrag diente) bemerkte dazu:

Zitat: „Rastafari ist insofern eine einzigartige Neuschöpfung von Religion: Sie vereinigt in sich
jüdisch-christliche, afrojamaikanische und indojamaikanische Traditionen — ist also eine
christlich-afro-indische Religion!“ Heinz-Jürgen Loth M.A.*²

Dieses Zitat bildet nun den Abschluss unseres Blogpostes, soll aber keine endgültige Einordnung von Rastafari darstellen. Wir hoffen, unsere Ausführungen haben trotz allem ein wenig dazu beigetragen, sich ein besseres Bild davon zu machen, wie die verschiedenen Rastafaris in Jamaika und der ganzen Welt ihren Glauben leben.

Interessant zum Thema Rastafaris in Jamaika sind sicher auch diese Beiträge:

Ital is Vital – Wissenswertes über die spezielle Ernährungsweise der Rastafaris

M wie Mento – Die spannende Entwicklung des Reggae in Jamaika

 Jamaican Patois – Interessantes zur Alltagssprache der Jamaikaner

 

Folgt uns auch auf Social Media:

Unsere Facebook-Seite – die offizielle FB- Seite von „Touchin‘ Jamaica“

Unsere Facebook-Gruppe – zum Austausch mit anderen Jamaika-Reisenden
und Jamaika- Fans

Touchin‘ Jamaica bei Instagram

*Quellenangaben:
*¹ Quelle: Peter Paul Zahl „Jamaika“ (becksche Reihe länder – Verlag C.H.Beck)
*² Quelle: Dissertation „Die Anfänge von Rastafari und das Problem der Afrikanizität“ von Heinz-Jürgen Loth M.A.
*³ Quelle: Arte Doku Jah Rastafari! Die Wurzeln des Reggae
https://www.reonline.org.uk/knowledge/rastafari/
Die mobile Version verlassen