U wie Usain ODER Jamaikas Sportskanonen


Jamaika ist nicht nur in musikalischer Hinsicht eine erfolgreiche Geburtsmaschine. Auch sportlich haben Jamaikaner mächtig was auf dem Kasten. Zumindest in einigen Disziplinen rennen, kicken und spielen Jamaikaner und Jamaikanerinnen in der Weltrangliste ganz oben mit. Leichtathleten, Fussballer, Boxer, Cricketspieler… Die kleine Karibikinsel hat unzählige bemerkenswerte Sportstars hervorgebracht, auf die die Insulaner mit Recht sehr stolz sein können.

Da sind zum einen die beeindruckend schnellen Sprinter Jamaikas, die den Ruf Jamaikas als eine Sprintweltmacht begründen. Von Asafa Powell bis Shelly-Ann Fraser; von Arthur Wint bis Usain Bolt- an ihnen kam und kommt so schnell niemand vorbei. So stolz ist man in Jamaika auf seine Leichtathleten, dass man vier von ihnen Statuen widmete: Usain Bolt’s Abbild wurde bereits im Dezember 2017 in Montego Bay enthüllt, das von Shelly- Ann Fraser im Oktober 2018 und auch Veronica Campbell und Asafa Powell- alle von Basil Watson geschaffen- sind bald in Bronze gegossen zu bewundern.

Bogenschütze oder Sterndeuter- Pose? Eindeutig ein Pfeil!
Bildquelle: Wikipedia

Gäbe es eine Anwartschaft auf den Titel „Nationalheld der Neuzeit“ würde Mister Bolt sicher gleich hinter Bob Marley genannt werden. Schon der Name Bolt ist vielversprechend, wer SO heisst, dem bleibt nichts übrig, als PFEILschnell zu laufen. Geboren am Fusse der grünen Hügel des Cockpit Country südlich von Falmouth, wurde er schon 2002 in Kingston Juniorenweltmeister über 200 m. Bereits 2004 stellte der junge Usain den bis heute gültigen Weltrekord für Junioren auf, indem er 200 Meter in unter 19,93 Sekunden zurücklegte. Er ist Weltrekordhalter in 100 m Sprint sowie über 200 m und hat auch sonst reichlich Edelmetall für Jamaika geholt. Die Titel „Bestbezahlter Sportler in der Geschichte der Leichtathletik“, Leichtathlet des Jahres“  und „Weltsportler des Jahres“ hat Usain Bolt ebenfalls mehrmals errungen. „Einer der größten Leichtathleten der Geschichte“ und mutmasslich „Bester Sprinter aller Zeiten“ hat 2017  im National Stadium in Kingston sein Karriereende bekannt gegeben. Dort, wo 2002 alles begann. Doch mit Sport ist für Bolt noch lange nicht Schluss. Er wendet sich jetzt seinem zweiten Karriereziel, einer Zukunft als Profifussballer zu. Derzeit trainiert Bolt beim australischen Erstligisten Central Coast Mariners.

Apropos- Fussball spielt im Alltagsleben auf Jamaika eine grosse Rolle, man findet oft auch in abgelegenen Fleckchen wenigstens zwei improvisierte Tore und ein interessantes Spiel kann in Kingston schon mal halb Trenchtown leer fegen. Selbst Bob Marley war ein begeisterter Fussballer und immer für ein Match zu haben. Und wenn die beliebten Reggae-Boyz -die Nationalmannschaft Jamaikas- ein Spiel bestreiten, findet man in keiner Sportsbar mehr ein anderes Programm, geschweige einen Platz. In der Red Stripe Premier League kämpfen zwölf jamaikanische Teams. Die zwei besten Spieler einer Saison qualifizieren sich für die CFU Club Championship, ein regionales Club-Turnier. Unter die ersten Vier in der CFU Club Championship zu kommen, ist für jamaikanische Teams die einzige Möglichkeit, in die CONCACAF Champions League und die CONCACAF League einzusteigen.

Mit Winfried Schäfer als Trainer gewannen die Reggae Boyz 2014 die Fußball-Karibikmeisterschaft und erreichten 2015 sogar als erste karibische Mannschaft das Finale des CONCACAF Golden Cup, der kontinentalen Meisterschaft Nordamerikas. 1998 konnte sich Jamaika zum ersten und bisher einzigen Mal endlich für eine Fussball-WM qualifizieren. Mit ihrer leidenschaftlichen Art und den Fans auf den Rängen, die singend und tanzend ihre Mannschaft anfeuerten, eroberten die Jamaikaner zwar die Herzen der Fußballfans aller Welt, kassierten aber auch reichlich Tore. Immerhin gelang mit einem 2:1 im letzten, unbedeutenden Spiel gegen Japan sogar noch der viel umjubelte erste Sieg und Robbie Earle und Theodore Whitmore werden dafür heute noch auf Jamaika gefeiert. Nachdem sich die Reggae Boyz 2016 wieder nicht für die WM 2018 qualifizieren konnte, trennte man sich von Schäfer als Trainer. Mittlerweile werden sie von Theodore Whitmore trainiert.
Jungs- zur nächsten WM schafft ihr es bestimmt, wir wünschen es euch!
Spielen Frauen auch Fussball auf Jamaika? Yahhh, man! Die „Reggae-Girlz“ sind zwar nicht ganz so populär, stehen aber in der Weltrangliste aber auch nicht ganz ganz hinten. Trainer Xavier Gilbert, der als Trainer an der Excelsior High School sicher auch viele weibliche Fussball-Talente gefördert hat und bis vor Kurzem noch Assistenztrainer der Damen war, pusht sie als ausgewiesener Taktikexperte nun zu neuen Siegen.

Jamaikanische Frauenfussball Nationalmannschaft

Reggae Girlz- die jamaikanische Frauenfussball- Nationalmannschaft
Bildquelle: Jamaica Gleaner

Fussball-Funfact: Warum auch immer- viele Jamaikaner huldigen dem FC Bayern München, obwohl es nachweislich nie ein jamaikanischer Fussballer ins Team geschafft hat. Aber wer weiss- vielleicht gelingt es ja Leon Bailey, derzeit bei Bayer Leverkusen unter Vertrag, einen Fuss in die bayrische Tür zu kriegen. Immerhin wird ihm bescheinigt, er sei „…schnell, äußerst trickreich und torgefährlich.“ DEN Jubel auf Jamaika möchte man sich gar nicht ausmalen, bis 2023 müssten wir uns allerdings mindestens noch gedulden.

Ebenfalls mit einem Ball gespielt wird Cricket.
Das „Spiel der Gentleman“ ist mal wieder eine Hinterlassenschaft der englischen Kolonialherren, was der Popularität von Cricket auf Jamaika allerdings keinen Abbruch tut. Je nach Austragungsart kann sich ein Spiel über mehrere Tage hinziehen. Gegründet 1888 trat das Jamaikanische Nationalteam 1895 das erste Mal  erfolgreich in Aktion. Seitdem verfolgen Cricket Fans auf Jamaika seit Generationen im Sabina-Park in Kingston begeistert Spiele ihrer „Jamaica Tallawahs“. Viele bekannte jamaikanische Cricketspieler haben die Westindischen Inseln vertreten, darunter George Headley, Jimmy Adams, Courtney Walsh und Chris Gayle. Chris Gayle ist derzeit einer der führenden T20-Schlagmänner der Welt. Viele andere berühmte Kricketspieler stammen von Jamaikas Küsten, darunter Gerry Alexander, Jeffrey Dujon, Michael Holding, Lawrence Rowe und Alfred Valentine.
Frauen spielen ebenso eine Rolle im Cricket auf den Westindischen Inseln, allerdings keine so grosse mehr, dass sich ein jamaikanisches Nationalteam gehalten hätte. Die Damen sind jedoch im Cricket-Team der Westindischen Inseln vertreten.
2007 wurden die Cricket- Weltmeisterschaften, die auf den British West Indies  ausgetragen wurden, von einem Mord überschattet: Bob Woolmer, der englische Trainer der pakistanischen Mannschaft, wurde stranguliert in seinem Hotelzimmer auf Jamaika aufgefunden, nachdem seine Mannschaft überraschend ausgeschieden war.

Jamaikas Cricket Nationalteam

Jamaica Tallawahs- das jamaikanische Cricket Nationalteam
Bildquelle: http://www.cplt20.com

 

Boxsport-  würdet ihr das mit Jamaika verknüpfen? Doch es stimmt: die schöne Karibikinsel, auf der sich die Meisten durch ihren harten Alltag boxen müssen, brachte einige Boxlegenden hervor. Das „Durchboxen-Müssen“ qualifiziert natürlich so manchen für diese Kampfsportart. Genannt seien hier Trevor Berbick, Mike McCallum, Simon Brown und Glen Johnson. In neuerer Zeit sind Nicholas Walters im Federgewicht und Dillian Whyte im Schwergewicht im Zusammenhang mit Boxen auf Jamaika unbedingt erwähnenswert. Die meisten jamaikanischen Boxer treten jedoch für andere Länder an.

Bobfahren ist auf Jamaika seit den späten 80ern populär, wer kennt nicht den Film „Cool Runnings“? Sicher wartet ihr schon darauf und wer bis hierher mit dem Lesen durchgehalten hat, erfährt jetzt die wahre Geschichte des Jamaikanischen Herren- Vierer-Bobteams, welches sich 1988 aufmachte, in die Geschichtsbücher der Olympischen Winterspiele einzugehen.
Bobfahren auf Jamaika- was für eine lächerliche Idee!- so dachten viele, denn man verknüpft Jamaika doch eher mit schneeweissem Sand als schneekalten Flocken.
„Aber: Ein Bob ist ein Pushcart ohne Räder!“ und wer jemals ein Pushcart-Derby gesehen hat, wird begreifen, warum die Idee eines Bob-Teams für Jamaika gar nicht sooo abwegig gewesen ist.

„Die wahre Geschichte ist zu bizarr, dass die Leute es nicht glauben würden.“, sagte Devon Harris der im legendären Bobteam von 1988 war.
Inspiriert durch ein Pushcart-Derby kamen zwei jamaikanische Geschäftsmänner auf die Idee, ein jamaikanisches Bob-Team zu formieren und rekrutierten in der Jamaikanischen Armee. Captain Dudley Stokes, Leutnant Devon Harris, Private Michael White und Samuel Clayton (ein Zivilist) stellten das Team, welches von den Gründern und dem Jamaican Tourism Board finanziert wurde. Sie trainierten 3 Stunden am Tag neben einem Fußballfeld in den Kasernen der Armee mit einem provisorischen Schlitten und  kannten auch Schnee und Kälte, weil sie im Rahmen ihrer Armeezeit auch in Grossbritannien stationiert waren. Vier Wochen nach der Rekrutierung flogen sie nach Lake Placid, um in Realbedingungen zu trainieren. Sie mieteten dazu einen älteren Bob aus Kanada und nur wenige Tage vor dem Rennen malten sie die Jamaika-Farben darauf. Auch in Österreich und Calgary selbst erprobte sich das junge Team. Frederick Powell und Caswell Allen stiessen inzwischen dazu. Gott sei Dank wurden sie- entgegen der filmischen Darstellung- auch zu den Winterspielen selbst 1988 in Calgary sehr herzlich willkommen geheissen.

Jamaikanische Bobmannschaft Calgary 1988

Wir konnten sowieso nicht glauben, dass DDR-Sportler so ein rassistisches Benehmen an den Tag gelegt haben sollten- die wären doch SOFORT aus dem Kader geflogen! Auch wenn das heutzutage wiederum genauso unglaubwürdig klingt, wie 1988 Bobfahren auf Jamaika. Doch das ist eine andere Geschichte, weiter mit den echten „Cool Runnings“. Nur eine Woche vor den Olympischen Spielen verletzte sich Allen die Hand und musste ersetzt werden. Stokes Bruder Chris- ein Sprinter – war ein Ersatz in letzter Minute, aber natürlich noch nie Bob gefahren. „Also haben wir ihm drei Tage lang alles beigebracht, was wir wussten.“- erzählte Devon Harris.  Und am Ende der Woche war der Jamaika-Vierer der siebtschnellste Bob.
Beim dritten Durchgang jedoch ereignete sich die Katastrophe: Fahrer Dudley Stokes, der während des Trainings eine Schulterverletzung erlitten hatte, verlor in einer Kurve die Kontrolle über den Schlitten, durch den Sturz kippte der Schlitten auf die Seite und beendete so den Traum von einer Bob-Medaille für Jamaika. Im Film wurde originales Filmmaterial aus Calgary vom Sturz erwendet. Ernsthaft körperlich verletzt hat sich dabei niemand und das Team schob den Schlitten über die Ziellinie, während die Leute winkten und jubelten.

Das jamaikanische Bob-Team nahm ausserdem am Zweier-Bobrennen teil, was im Film nicht gezeigt wurde. Jamaika hat an allen Olympischen Winterspielen von 1988 bis 2002 teilgenommen, zwar mit eher mässigem Erfolg, DOCH: Dabeisein ist ALLES! Die größte Hürde scheint die Finanzierung der aktuellen Teams zu sein. Für die Spiele 2014 in Sotschi bat das Team um Online-Spenden und nach 12 Jahren nahm wieder ein Bob-Team aus Jamaika an Olympischen Winterspielen teil. Devon Harris: „Wir brauchen finanzielle Mittel, um zu trainieren und dann können wir wirklich wettbewerbsfähig sein. […] …., ich glaube, wir können eine olympische Medaille gewinnen.“

Olympische Winterspiele 2018- Frauenbob

Jamaikanisches Frauen-Zweierbob-Nationalteam Pyeongchang 2018
Bildquelle: http://thetropixs.com

„Jamaikaner wären jedoch nicht Jamaikaner, wenn sie nicht „noch einen draufsetzen“ könnten: Nicht genug, dass Jamaika EIN Bob-Team hat, NEIN!!! Da sich das jamaikanische Männer-Bob-Team nicht für die Olympischen Spiele 2018 in Pyeongchang qualifizierte, schickten sie ein Frauen-Bob-Team. Pilotin Jazmine Fenlator-Victorian und Anschieberin Carrie Russell sind allerdings keine so unbeschriebenen Blätter im Bobsport wie ihre Kollegen 1988. Sie wissen sich bestens zu vermarkten, obwohl sie mit ihrem Bob Jamaika I aka „Cool Usain“ – gesponsored durch Red Stripe-  nur den vorletzten Platz belegten.

Schwimmen- last but not least kommen wir zu einer Disziplin, die auf Jamaika kein Volkssport ist, denn immerhin sind die allermeisten Insulaner Nichtschwimmer. Wie jetzt- Jamaika ist doch komplett von Wasser umgeben? Das ist richtig, aber der Grossteil der Jamaikaner lebt nicht an der Küste. Zudem gibt es nicht genug Einheimische, die nachfolgenden Generationen schwimmen beibringen könnten, denn sie haben es selbst nicht gelernt. Wäre ja auch unlogisch gewesen, hätten die Kolonialherrschaften ihrerzeit zugelassen, dass ihre Sklaven in der Lage gewesen wären, ihnen einfach wegzuschwimmen. So kommt es, dass sogar viele Fischer auf Jamaika nicht schwimmen können. Mit dem Hintergundwissen verwundert es niemanden, dass Jamaika im Gesamt- Medaillenspiegel der Schwimmsportweltmeisterschaften eher nicht in den vorderen Tabellenrängen zu finden ist. Die Rechercheergebnisse zum Thema Schwimmsport auf Jamaika fielen noch magerer aus, als der Medaillenregen. Eine einzige Schwimmerin macht für Jamaika zur Zeit von sich reden. Alia Atkinson brach erst vor wenigen Tagen, am 06. Oktober 2018 bei der FINA-Weltmeisterschaft 2018 in Budapest ihren eigenen Weltrekord beim 50-Meter-Brustschwimmen der Frauen und verwies ihre stärkste Kontrahentin Yuliya Efimova aus Russland auf den zweiten Platz. Nur einen Tag zuvor schlug sie diese bereits in der Disziplin 100m- Brustschwimmen und kam ebenfalls auf Platz 1.

Weltrekord-Schwimmerin Jamaika 2018

Alia Atkison hat Grund zum Jubeln
Bildquelle: www.sportsjoe.ie

Doch nicht nur für ihre Heimatnation erbringen jamaikanische Sportler Höchstleistungen. Viele starten für andere Länder, beispielsweise sprintete Merlene Ottey 10 Jahre für Slowenien und Donovan Bailey, der für Kanada startete, wurde ebenfalls auf Jamaika geboren. Donovan Ruddock lebt in Kanada und boxte sich  12 Runden lang gegen Mike Tyson durch, Tyson gewann nur nach Punkten.
Die Liste von jamaikanischen Sportlern „abroad“ scheint schier endlos, ist doch der Sport eine der wenigen Möglichkeiten, auf Jamaika etwas zu werden und einen gewissen Wohlstand zu erreichen.

Wer Glück hat, wird entdeckt- zum Beispiel bei Schulwettkämpfen, die zu den Höhepunkten eines Schuljahres auf Jamaika gehören. Die besten High Schools nehmen jedes Jahr an den mehrtägigen ISSA/GraceKennedy Boys and Girls’ Athletics Championships der Leichtathletik – den „Champs“ teil, die im National Stadium in Kingston stattfinden. Ein Ort, wo sich die Coaches für Internationale Sportkonzerne auf die Suche nach vielversprechenden Nachwuchssportlern begeben. Stipendien in die USA und nach Kanada sorgen dann oft für die bestmögliche Ausbildung und Förderung junger Talente. Leider auch dafür, dass diese es vorziehen, im Ausland zu bleiben.

Denn biste was- haste was- biste schnell weg…
Wer kann es ihnen verdenken, schliesslich nutzen sie nur die Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. In dem Sinne wollen wir uns jetzt auch verabschieden und schliessen diesen sportlichen Beitrag mit einem kräftigen und einstimmigen:

SPORT FREI!!!

 

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